Mittwoch, 19. Dezember 2018

Currywurst Seelenwärmer im Neonlicht

2. Teil: Wie ein Wasserloch in der Savanne

Bescheiden wie ein Wasserloch in der Savanne

Und dann gab es solche wie den cleveren alten Mosgraber. Wenn man nämlich, statt die Wurst bei 78 Grad Celsius zu brühen, das fertige Brät in 94 Grad heißes Wasser warf, stockte das Fleischeiweiß so rasch, dass die geformte Masse nicht zerfiel. Das war der Beginn der Berliner Wurst ohne Pelle. Also stellte der alte Mosgraber einen Wurstkessel vor dem Titania-Palast auf, dem Großkino an der Schloßstraße, später besorgte er sich eine Plane und Tischchen. Die Bude stellte er 1951 auf, Kieler Straße 1, Ecke Schloßstraße, geöffnet von morgens um zehn bis nachts um drei, bescheiden wie ein Wasserloch in der Savanne Afrikas und genauso nützlich für die Bewohner der großen Stadt.

Seelenheimat: Heimelige Wurstbude in Berlin
Wie Schatten tauchen sie aus der Schloßstraße auf, krümmen sich an den Tresen, murmeln ihre Bestellung, warten geduldig, während Jürgen und Andreas mit der Hingabe von Dirigenten die großen Gesten des Alltags wiederholen. Die Wurst rauspicken, mit dem Messer zerteilen, rein in die Pappschale, Ketchup drüber, die Curry-Streue, mit Chili, wenn es etwas schärfer sein soll, mit Tabasco für extrascharf, marinierte Zwiebeln auf Wunsch, alles eine Sache von Sekunden. Polizisten machen einen Halt, Feuerwehrmänner, Schichtdienstler auf dem Weg zur Arbeit und spät heimkehrende Verkäuferinnen.

"Aber", belehrt nun ein Gast, stolz auf sein Wissen, "erfunden wurde die Currywurst 1949 von Herta Heuwer. Im Januar 1959 hat sie sogar das Patent dafür hinterlegt, Warenzeichen 721319." Jetzt lächelt der Jürgen, der aus Prinzip mit niemandem streitet, der seine Wurst isst, und er sagt: "Das würde ich aber nicht dem Chef sagen. Der weiß da ganz andere Dinge zu erzählen." Der Chef, Matthias Mosgraber, kommt wenige Zeit später. Kaum vernimmt er den Namen Herta Heuwer, ruft er auch schon aus: "Nee, alles Blödsinn, und mein Vater ist noch der Einzige, der diese alten Wurstgeschichten kennt, und der weiß das besser." "Dann soll der Vater herkommen", sagt der Gast.

Mosgraber, der die Bude vom Vater übernommen hat, guckt traurig. "Ach, der Vater", seufzt er, "der will nichts mehr davon hören. 40 Jahre seien genug." Schweigen am Imbiss "Zur Bratpfanne". Es nieselt. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt einer, "die Entbehrungen des alten Wurstbraters." Dann ist es wieder ruhig, und es duftet süß nach Ketchup und Wurst und Kinderparadies. Aber Matthias Mosgraber, emsige Frohnatur, von morgens fünf Uhr bis spätabends unterwegs, ist der Letzte, der sich von Sentimentalitäten erwärmen ließe.

Die Amerikaner hätten den Ketchup erfunden, erzählt er, und die Soldaten, die in Berlin stationiert waren, verlangten ihre Wurst mit Ketchup. Da hätten die Frauen mit Tomatenmark und Gewürzen zu experimentieren begonnen, Rosmarin, Muskat, Curry, und die GIs sagten, es fehle noch was, und dann kamen noch Zimt und Senf dazu, Essig, vielleicht auch etwas Zucker für die Süße, andere nahmen Honig, so habe es ihm seine Mutter erzählt, und so sei die Sauce erfunden worden, die über die Wurst kam. "Das war ein gemeinsames Pröbeln und Basteln, bis die Currywurst endlich erfunden war. Alles andere ist Mumpitz", versichert Mosgraber.

"Meine Mutter hat mir ihr Ketchup-Rezept auf dem Gaumen mitgegeben", fährt er fort. Heute beschäftigt er 15 Angestellte. Zwei Männer sind damit beschäftigt, den frischen Ketchup nach dem Familienrezept zu mischen. Morgens um drei beginnt ihr Arbeitstag in einem Souterrain nicht weit von der Bude.

Jürgen und Andreas verkaufen ihn für 2,50 Euro pro Liter (plus Pfand). Die Kunden kommen von weither. Gar nicht zu sagen, wer sich schon alles den Ketchup von den Fingern geschleckt hat, hier an der Kieler Straße: Berlins Bürgermeister, Senatoren, berühmte Fußballer und Fernsehstars. "Was soll’s, da wird keen Heckmeck gemacht, die kriegen ihre Curry, dann kommt der Nächste an die Reihe", schnauft Jürgen.

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