Dienstag, 13. November 2018

Niederegger Marzipan Das "Haremskonfekt"

Lübecker Marzipan hat eine lange Tradition. Schon im 16. Jahrhundert produzierten Apotheker der Hansestadt die gehaltvolle Süßigkeit als Heilmittel. Zu internationaler Berühmtheit brachte es vor allem die Konditorei Niederegger. Sie feiert 2006 ihr 200-jähriges Bestehen.

Lübeck - Als Johann Georg Niederegger 1806 in Lübeck die Konditorei seines Lehrherren übernahm, hat er vermutlich nicht damit gerechnet, dass sein Name weltweit bekannt werden würde.

Leckerei: Brot aus Mandeln, Zucker und Rosenwasser
Doch sein Marzipan war so gut, dass es bald nicht nur in der Stadt, sondern auch am russischen Zarenhof begehrt war. "Niederegger" wurde nicht nur zum Markenbegriff in rund 60 Ländern der Erde, sondern auch zum Exportschlager der Hansestadt Lübeck. Im Jahr 2006 wird das 200-jährige Bestehen der Firma J.G. Niederegger GmbH & Co. KG gefeiert.

"Ich esse jeden Tag ungefähr 200 Gramm Marzipan", versichert Inhaber Holger Strait. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Angelika führt er in siebter Generation das Familienunternehmen. Der gertenschlanke 55-Jährige gehört zur Verkostungskommission, die Neuentwicklungen prüft, bevor sie in die Produktion gehen.

 Süße Schweinchen: Von Lübeck in die ganze Welt  Gehaltvolle Torten: Niederegger-Chefkonditor Roland Weichbrodt  Handarbeit: Jede Menge Osterhasen  Aus vollem Herzen: Ein Klassiker aus dem Hause Niederegger - die Marzipanherzen

Marzipan: Die süße Verführung
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Rund 100 neue Produktideen hat das Unternehmen derzeit im Köcher. "Wir können nicht auf die Konjunktur hoffen, sondern müssen ständig neue und attraktive Produkte anbieten", sagt Strait.

Der in Lübeck geborene Literaturnobelpreisträger Thomas Mann beschrieb Marzipan als "üppige Magenbelastung aus Mandeln, Zucker und Rosenwasser" und vermutete, dass das Rezept "zu diesem Haremskonfekt über Venedig an irgendeinen alten Herrn Niederegger nach Lübeck gekommen ist". Mit dem orientalischen Ursprung hat Thomas Mann Recht.

Tradition: Niederegger-Chef Holger Strait mit seiner Frau Angelika Strait-Binder führen das Unternehmen in siebter Generation
In einem anderen Punkt irrt er: Niederegger war keineswegs der erste, der in Deutschland Marzipan fabrizierte. In Lübeck wurde die Herstellung von Marzipan bereits 1530 urkundlich erwähnt. Die war bis ins 18. Jahrhundert hinein Sache der Apotheker, da die gehaltvolle Süßigkeit als Heilmittel galt. Auch als die Zuckerbäcker sich des Marzipans annahmen, blieb es eine Sache der Reichen. Mandeln und Zucker, die Hauptzutaten, mussten importiert werden und waren teuer.

Als der aus Ulm stammende Niederegger die Konditorei Maret am Markt übernahm, waren die Zeiten für Luxuswaren schlecht. Napoleons Truppen hatten die Stadt besetzt, die Wirtschaft lag danieder. Unter den heutigen Bedingungen hätte er sicher von keiner Bank einen Kredit bekommen, vermutet der Exportchef von Niederegger, Willi Meier.

Doch schon bald hatte sich Niederegger eine Reputation erworben, die weit über die Grenzen Lübecks hinausging. Jede Exportkiste trug die Initialen des Firmengründers J.G.N., noch heute das Markenzeichen des Unternehmens. Das bekannte Logo mit dem Holstentor und den gekreuzten Spruchbändern in den Farben Rot und Gold stammt von dem Grafiker Alfred Mahlau, der 1927 das Corporate Design für das Unternehmen entworfen hat.

Heute beschäftigt Niederegger rund 500 Mitarbeiter, in der vorweihnachtlichen Spitzenzeit kommen noch bis zu 250 Saisonkräfte dazu. Umsatzzahlen nennt das Familienunternehmen nicht, aber Strait verrät: "Wir verzeichnen seit Jahren ein sehr stabiles Wachstum im einstelligen Bereich." Die veränderten Gewohnheiten der Verbraucher bekommt Niederegger auch zu spüren. "Wir merken das weniger am Umsatz als am Sortiment. Die Nachfrage nach kleineren Packungen ist stark gestiegen", sagt Strait.

Eva-Maria Mester, DPA

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