Mittwoch, 14. November 2018

Manager als Sportler Läuferlehren für den Topjob

Wer sich in den oberen Etagen großer Konzerne umschaut, stellt eine hohe Athletendichte fest - vom Wasserballer über das Tennis-As bis zum Ultramarathonläufer. Im Gespräch mit manager magazin berichten sportliche Führungskräfte, wie Training und Wettkampf auch ihr Berufsleben prägen.

Der absolute Nullpunkt, an dem der Kampf gegen den eigenen Körper unerträglich und der Drang zum Aufgeben übermächtig wird, fühlt sich jedes Mal anders an. Sicher ist nur: er kommt. Da war jener 24-Stunden-Lauf von Berlin-Bernau im Jahr 2008. Tribius' Magen spielte nicht mit, schließlich verzichtete er aufs Essen und nahm nur noch Wasser zu sich. Am Ende belegte er Platz vier - nach 202 gelaufenen Kilometern. Oder der 100-Kilometer-Lauf im Thüringer Wald 2006. 2500 Höhenmeter waren zu überwinden, immer wieder kam Tribius seinem Nullpunkt nahe. Der Körper konnte nicht mehr, der Geist wollte nicht mehr.

Doch er rannte weiter und kam nach 9,20 Stunden als Dritter ins Ziel. Thomas Tribius, 45 Jahre alt, ist promovierter Informatiker und Chief Informational Officer bei Otto. Er führt 800 Mitarbeiter und hat gerade eine Rundereneuerung der IT der gesamten Otto-Gruppe angeschoben. Das ist seine rationale Seite. Und Tribius ist Ultra-Marathon-Läufer. Er läuft 100 Kilometer, er läuft 200 Kilometer. Durch Wälder, über Asphalt, durch Stadtparks und die Alpen. Er bestreitet Wettkämpfe, wird mal Zweiter, mal Dritter, mal Fünfter. Immer auf der Suche nach dem "innersten Ich", der Instanz, die zum Weiterlaufen mahnt, gegen Schwächeanfälle, Schmerzen, Krämpfe, wenn alle rationalen Argumente versagen. Das ist seine leidenschaftliche Seite.

Tribius treibt Leistungssport in seiner extremsten Form. Das Laufen prägt seine Sicht auf die Welt - und auf den Job. Sein sportlicher Ehrgeiz und seine Passion für das Durchhalten stärken ihn auch als Manager, meint er: "Disziplin und eine Form freudigen, sportlichen Wollens sind wichtig - reine Verbissenheit führt nie ins Ziel." Im Beruf wie im Sport müsse Unmögliches versucht werden, um Mögliches zu erreichen, lautet Tribius' Credo.

Der Leistungssport als Managerschule - ist da etwas dran? Kann, wer sich irgendwann in seinem Leben körperlichen Herausforderungen auf Wettkampfniveau gestellt hat, auch in der Hochleistungsarena Topmanagement besser mithalten? Sind Sportskanonen am Ende gar die besseren Führungskräfte? Unter Managementberatern ist das Beschwören von Parallelen zwischen Leistungssport und Karriere derzeit geradezu in Mode. Coach Reinhard K. Sprenger widmet den Analogien zwischen Dribbelkönigen und Dax-Herrschern ein ganzes Buch und postuliert "Fußballstrategien für Manager".

Sportdress statt Nadelstreifen

Mit handballertypischem Selbstvertrauen gingen Ex-Nationalspieler Jörg Löhr und Handball-Bundestrainer Heiner Brand ihren Ratgeber "Projekt Gold" an: Im Spitzensport lasse sich erfahren, "zu sein, wer wir sind und zu werden, wozu wir fähig sind." Das klingt vielversprechend, ist aber ungefähr so konkret wie die Weisheiten auf den Pappröllchen chinesischer Glückskekse. Immerhin: Ein bisschen Sport treiben sie fast alle, die Herren Vorstandsvorsitzenden. Jürgen Großmann (RWE) segelt, Jürgen Hambrecht (BASF) joggt, Wolfgang Reitzle (Linde) golft mit Spitzenhandicap 8. Michael Diekmann (Allianz) kann Karate, übrigens genauso wie Escada-Chef Bruno Sälzer.

Josef Ackermann (Deutsche Bank), der heute eher auf seine Liebe zu klassischem Gesang und Opern angesprochen werden will, soll in jungen Jahren ein guter Speerwerfer gewesen sein. Als große Ausnahme muss Frank Appel von der Deutschen Post gelten, von ihm sind keinerlei sportliche Aktivitäten überliefert. Auch SAP-Chef Léo Apotheker beschränkt sich dem Vernehmen nach aufs Lesen und die Pflege seines Weinkellers, aber der Mann ist ja auch Wahl-Franzose.

Die Sehnsucht nach ein bisschen mehr Lebensqualität, der Wunsch nach kleinen Fluchten aus stickigen Konferenzräumen und engern Firmenfliegern mag die meisten Manager dazu treiben, den Nadelstreif regelmäßig gegen den Sportdress zu tauschen. Ein gewisses Qantum körperlicher Fitness ist heute ohnehin Voraussetzung für den Knochenjob des Wirtschaftsführers. Bei einigen Firmenlenkern jedoch versteckt sich tatsächlich eine veritable Leistungssport-Vergangenheit in der Vita.

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH