Montag, 19. November 2018

Schirmgeschäft Immer wenn es regnet

Designerstück, Mechanikwunder, Gebrauchsgegenstand - früher ein Herrschaftssymbol, ist der Regenschirm heute ein Teil des Alltags und eines der meistvergessenen Dinge überhaupt. manager-magazin.de blickt hinter die Kulissen des Massenmarkts, nennt die großen Player und zeigt die letzten Luxusnischen der Handwerkskunst.

Hamburg - Es sieht chaotisch aus in dem kleinen Laden in der Hamburger Innenstadt. Blaue und grüne Stoffreste liegen über den abgewetzten grauen Boden verstreut. Auf dem schmalen Tisch in der Mitte des Raums stapeln sich neben einem halb aufgerollten Stoffballen Pakete und Briefe.

Drumherum - an den Wänden aufgereiht, in Kisten und Kästen, in Ständern und kopfüber von der Decke hängen, stehen, stecken und liegen Hunderte Schirme. Damenregenschirme, Taschenschirme, Golfschirme, Gästeschirme, Herrenschirme, Kinderschirme. Geblümt oder uni, schlicht oder mit Spitze, rund oder oval, aus Baumwolle, Seide oder teflonbeschichteter Kunstfaser.

Es ist das Reich von Carola Vertein. Die 40-Jährige ist eine der letzten Schirmmacherinnen Deutschlands. "Eigentlich müssten wir unter Artenschutz stehen", meint die burschikose kleine Frau mit Hamburger Slang. Ihr Handwerk, das in ihrer Familie mehr als 130 Jahre Tradition hat, ist vom Aussterben bedroht. Und das, obwohl im vergangenen Jahr etwa 25 Millionen Schirme in Deutschland über die Ladentheken gingen. Aber davon stammen gerade mal 50.000 noch aus heimischer Produktion.

Das Geschäft mit dem Nässeschutz ist mittlerweile so globalisiert wie der Rest der Welt. "98 Prozent der Schirme, die in Deutschland verkauft werden, kommen aus chinesischer Produktion", sagt Willy Schüffler, Leiter des Interessenverbands der Schirmfachhändler, der in Essen selbst einen Laden für Schirme und Stöcke führt. Echte Schirmmacher wie Vertein sterben aus. Zum Meister wird heute keiner mehr ausgebildet, erzählt Vertein. "Die Innung hat dichtgemacht."

Aber auch die echten Schirmfachgeschäfte sind rar geworden. Die meisten Exemplare gehen im Vorbeigehen, in der Drogerie oder im Baumarkt über den Ladentisch. Und so zählt der Händlerverband nur noch rund siebzig Mitglieder in ganz Deutschland und Österreich.

Die Inhaber der übrig gebliebenen Geschäfte haben es denkbar schwer. Auch Carola Vertein. Anfang der 90er musste ihre Familie, die seit 1876 mit "Schirm Eggers" eine echte Hamburger Institution mit zeitweise elf Filialen betrieb, aufgeben. Doch die Schirmmacherin gab nicht klein bei - und gründete wenige Monate später mit "Schirm und Co." in der Hamburger Rosenstraße einen eigenen Laden.

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