Donnerstag, 19. Juli 2018

Trend-Kolumne Wir sind Papst!

3. Teil: Von Alco-Popes und Beichtmobilen

Das Dogma der Kirche schwindet und bereitet so dem Religiösen seinen Siegeszug. Anders ausgedrückt: Noch nie hat Kirche so viel Spaß gemacht wie heute. Freiwilligkeit und Wahlfreiheit stehen bei der religiösen Praxis im Mittelpunkt. So kommt es, dass auch die Feministin kirchlich heiraten möchte, weil ihre Beziehung gesegnet sein soll.

Humoristischer Umgang mit der Religion: Alco Pope-Karikatur im Satiremagazin Titanic
Titanic 05 / 05
Humoristischer Umgang mit der Religion: Alco Pope-Karikatur im Satiremagazin Titanic
Die Jesus-Freaks stimmen ihren Choral mit der E-Gitarre an und hüpfen durch die Sakristei. In der Kreuzberger WG wird vor dem Essen gebetet, obwohl keiner auf die Idee käme, in den Gottesdienst zu gehen. Stressgeplagte Manager üben sich in Exerzitien und ziehen im Urlaub schon mal die Klosterzelle dem Fünf-Sterne-Hotel vor.

Über Gott zu sprechen, ist salonfähig geworden. Über Gott zu singen, ist hitparadenverdächtig. Eine Vertonung des "Römischen Triptychons" von Johannes Paul II. landete auf Platz drei der polnischen Charts.

Die Renaissance des Religiösen findet so ihren Niederschlag in der Populärkultur. Die Bild-Zeitung promotet erfolgreich den Bildband zum Leben des verstorbenen Papstes. Die früheren Schriften von Kardinal Ratzinger werden vom Taschenbuch bis hin zum reich verzierten Hardcover in Ledereinband wie warme Semmeln unters Volk gebracht.

"Beichtest du hier öfter?"

Nach der erfolgreichen "Langen Nacht der Museen" gibt es nun auch die "Lange Nacht der Kirchen". Erzeugnisse religiöser Bruderschaften, wie so mancher Klosterlikör, sind schon länger ein Verkaufshit. Das Satiremagazin Titanic zeigt sich äußerst kreativ mit seiner Idee für das Mix-Getränk Alco-Pope: "Spaß + Glaube = Durstlöscher - Die Kommunion für zwischendurch".

Für die Buße zwischendurch - und das ist keine Satire - gibt es derweil das "Beichtmobil" von Augustiner-Pater Hermann-Josef Hubka. In seinem acht Jahre alten VW-Bus fährt er durch die Lande, hält an verschiedenen Orten wie auch an Raststätten und trifft auf große Resonanz.

Bei so viel Lifestyle-Affinität sollte es nicht verwundern, wenn sich katholische Weblogger nun im Internet formieren. In den USA nennen sie sich scherzhaft "Pfarrgemeinde des Heiligen Blog" (St. Blog's Parish; www.stblogsparishhall.com). Sie diskutieren über Themen wie der Wahl des neuen Papstes bis hin zu Vorschlägen für den Schutzheiligen der Blogger. In den Linksammlungen findet sich Kurioses wie die "zehn besten Aufrisssätze für rechtgläubige Katholiken", zum Beispiel: "Beichtest du hier öfter?"

Im deutschsprachigen Raum sind die katholischen Weblogger noch nicht so verbreitet, doch auch hier gibt es neue Bewegungen wie zum Beispiel "Catholicism Wow" (www.catholicism-wow.de). Dieser Blog hat sich der Kultivierung von Comics und Musik mit katholischem Hintergrund verschrieben. Als Merchandising-Artikel wird ein T-Shirt mit Logo feilgeboten, das auf den ersten Blick an Coca Cola erinnert. Stattdessen steht dort: "Römisch-katholische Kirche. Seit 33 n. Chr." Eine Bewegung, die so was von "out" ist, ist schon wieder unglaublich "in".

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