Von Mirjam Hecking
Im Vergleich zu Frankreich oder der Schweiz spielt Graphologie bei der Personalauswahl in Deutschland zwar eine eher untergeordnete Rolle, räumt Helmut Ploog vom Bundesverband Deutscher Graphologen ein. Und nicht wenige halten Schriftpsychologie für esoterischen Humbug.
Doch auch wenn der handgeschriebene Lebenslauf eigentlich der Vergangenheit angehört, lassen auch hierzulande noch immer eine ganze Reihe von Unternehmen die Handschrift ihre Kandidaten von Graphologen unter die Lupe nehmen. "Im höheren Management vor allem auf Ebenen, wo keine Einstellungstests mehr gemacht werden, ist das noch immer verbreitet", sagt Ploog. Die Vorteile sind für ihn offensichtlich. "Es funktioniert einfach und ist mit relativ geringem Aufwand verbunden."
Ablesen kann man nach Auffassung des Graphologen eine ganze Menge: persönliche Reife, Effizienz, ob jemand analytisch oder eher systemisch denkt, extra- oder introvertiert ist. Und sogar Rückschlüsse auf die Sozialkompetenz seien möglich, behauptet Ploog. Rund 200 bis 300 Euro kostet ein solches Gutachten, für das der Graphologe in der Regel eine beschrieben DIN-A-4-Seite braucht.
Auch eine neue Untersuchung der Uni Haifa spricht der Schrift erstaunliche Aussagekraft zu. Weil beim Lügen ein Teil des Gehirns beansprucht wird, der dann beim Schreiben fehlt, fällt die Schrift von Lügenden der Untersuchung zufolge größer und breiter aus, als die von Menschen, die die Wahrheit schreiben. Und auch der Druck ist bei Lügenden fester.
Angesichts solcher Interpretationsschwere ist es kaum verwunderlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die der Verlockung erliegen, in ihrer Unterschrift mehr Schein als Sein zu transportieren. "Zu mir sind schon Leute gekommen, die wollten, dass ich ihnen eine Unterschrift entwerfe, aus der ein Graphologe Ehrlichkeit, Treue und Verlässlichkeit lesen würde", sagt eine Kalligrafin, die unerkannt bleiben will. "Und das mehrfach."
Auch Graphologe Ploog beobachtet oft, dass Unterschriften sehr bewusst eingesetzt und verändert werden. Ganz besonders interessant ist der Unterschied zur übrigen Schrift. "Die Unterschrift zeigt, wie jemand sein möchte, die Schrift zeigt jemanden, wie er wirklich ist."
Dass die Kulturtechnik Schreiben überleben wird, bezweifelt keiner. Doch ihre Funktion und Bedeutung hat sich schon jetzt dramatisch verändert, bekommt immer mehr den Nimbus des Besonderen, den eines Luxus, den in Vollendung nur noch wenige beherrschen. Und Schreibkulturexperte Rauch geht sogar noch einen Schritt weiter: Er ist überzeugt: Künftig wird nur noch eine Elite richtig schreiben können.
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