Von Andreas Steinle
Die Ausweitung der Fanzone
Anders ausgedrückt: Wer sich aus Gründen des Statusgewinns für Bayreuth interessiert, sollte sich tunlichst auch für Ballack begeistern. Angela Merkel geht beispiellos voran und zeigt sich auf beiden Events. Im Viertelfinale gegen Österreich versammelte die Bundeskanzlerin auf der Ehrentribüne zahllose Minister um sich. Public Viewing als Public Affairs. Der Fußball bringt die Leidenschaft ins Regieren zurück. Merkel ließ sich sogar zu Gefühlsregungen hinreißen, knuffte Steinmeier in die Seite und schäkerte ausgiebig mit Bastian Schweinsteiger. Deutschland. Wir sind ein Fan-Volk.
Öffentliche Leidenschaft:
Beim Public Viewing begeistern sich auch Leute für Fußball, die sich eigentlich gar nicht für Fußball begeistern
Protagonisten wie David Beckham haben die Inszenierung des Sportlers zum Popstar auf ein neues – vor allem ästhetisches - Niveau gehoben, das den Fußballer zum Frauenschwarm macht. Seitdem die Kicker nun auch in Etikette und Rhetorik geschult werden, steht einer weiteren Ausweitung der Fanzone nichts mehr im Wege. Der Trend zum Passiv-Fußball ist unaufhaltsam. Die Erschließung neuer, weiblicher Fußballfan-Schichten wird durch das Public Viewing befördert.
Gelegenheitsfans und Frauen
Wie der Medienwissenschaftler Mirko Marr von der Universität Zürich herausfand, ziehen die Public-Viewing-Zonen vor allem die Gelegenheitsfans an, die Fußball nur an solchen Großereignissen verfolgen – insbesondere viele Frauen.
Die Uefa bestätigt diese Erkenntnis: In der Fan-Zone Wien – nur dort wurde bisher gemessen – beträgt der Frauenanteil 47 Prozent. Dadurch erfährt die Fußballkultur einen gewaltigen Zivilisierungsschub. Die Stimmung vor den Leinwänden und in den Stadien ist friedlicher. Es wird weniger gesoffen und es kommt seltener zu gewalttätigen Ausschreitungen.
Public Viewing macht uns also alle friedlicher. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in den Stadien Friedenslieder angestimmt werden und Fouls der internationalen Ächtung unterliegen. Warten wir’s ab.
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