Von Andreas Steinle
Es ist wieder soweit: Heerscharen von Menschen verlassen ihre gemütlichen Wohnzimmersessel, um im dichten Gedränge der Public Viewing-Plätze die Fußball-Europameisterschaft zu verfolgen. Jene, die sonst über jede Verkehrsverdichtung fluchen, reihen sich in die Autoschlangen rund um das öffentliche Rudelgucken ein. Vertreter gepflegter Hygiene nehmen klaglos die Kapitulation öffentlicher Toiletten vor dem Ansturm der Massen hin.
Es handelt sich dabei nicht um fehlgeleitete Lemminge, sondern um Menschen wie Du und ich. Menschen, die sich mitunter noch nicht einmal besonders für Fußball interessieren. Was ist passiert in deutschen Landen? Was erklärt die Liebe zum Bad in der Menge, die Lust am Gedränge?
Der Sachverhalt ist komplex. Verschiedene Trends liegen als treibende Kräfte hinter dem Phänomen. Deren Dechiffrierung verspricht daher besonderen Aufschluss über den Seelenzustand unserer Gesellschaft. Von zentraler Bedeutung ist der Megatrend Individualisierung. Je mehr Menschen in Single-Haushalten ihre Individualität auskosten – in Großstädten wie München, Frankfurt oder Hamburg immerhin jeder zweite Haushalt – , desto größer wird das Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit. Man möchte zwar autonom, aber deswegen noch lange nicht allein sein.
Selbstauflösender Familienanschluss
Deswegen boomen Restaurantkonzepte wie Vapiano, wo sich die Gäste um große Tische gruppieren und alle das Gefühl haben, an einem großen Familienmahl teilzunehmen. Ähnlich verhält es sich mit dem Public Viewing. Es vermittelt Familienanschluss – allerdings mit dem Unterschied, dass sich die "Familie" zum Gefallen aller schnell wieder auflöst.
Es handelt sich um eine Bindung auf Zeit, die sich in einem kurzen dramatischen Moment verdichtet. Die freigesetzte Intensität der Gefühle, wenn sich wildfremde Menschen nach einem Tor um den Hals fallen, braucht das Temporäre, den zeitlich befristeten Ausnahmezustand. Weihnachten würde auch nicht so gut funktionieren, wenn es jeden Tag stattfände.
Die besondere Form der Ritualisierung ist ein weiterer Grund für den Erfolg des Public Viewing. Haushohe Leinwände, musikalische Untermalung, Flaggen und anderer Zierrat der nationalen Identität erheben das Gebolze zur höheren Sache, zur staatsbürgerlichen Pflichtübung. Es ist nicht nur gesellschaftsfähig, sondern mittlerweile normativ, ein guter – und damit – öffentlicher Fan zu sein.
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