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30.05.2005
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Trend-Kolumne

Wir sind Papst!

Von Andreas Steinle

Papst Benedikt sei Dank - der Katholizismus wird wiederentdeckt und mit ihm die Geborgenheit der reinen Lehre. Wer glaubt, ist nicht nur selig, sondern auch modern. Denn das Dogma der Kirche schwindet und bereitet so dem Menschlichen in der Religion seinen Siegeszug. Noch nie hat Kirche so viel Spaß gemacht wie heute.

Hamburg - Die Kirchen mögen zwar leer sein, doch religiöse Happenings bewegen die Massen. Zum Weltjugendtag in Köln mit Papst Benedikt XVI. werden im August rund eine Million Heranwachsende erwartet.

  Trendforscher:  Andreas Steinle
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Trendforscher: Andreas Steinle

Der Tod von Papst Johannes Paul II. löste den größten Pilgerzug der jüngeren Geschichte aus. Vier Millionen Menschen setzen sich spontan ins Auto oder nahmen das nächste Flugzeug und machten sich auf dem Weg zum Petersdom, um dem Begräbnis beizuwohnen. Der Katholizismus erweist sich als ungemein trendaffin dieser Tage. Wer glaubt, ist nicht nur selig, sondern auch hip.

Die Bild-Zeitung fasste die seelische Befindlichkeit der Menschen hierzulande in wenige Worte, als sie zur Ernennung von Papst Benedikt XVI. titelte: "Wir sind Papst!". Wir sind also wieder wer. Deutschland mag zwar im globalen Vergleich an ökonomischer Stärke verlieren. Doch was bedeutet das schon angesichts der neuen spirituellen Power? Wenn Deutschland einen Papst hervorbringt, wozu ist dieses Land und seine Menschen dann noch in der Lage?

Die Geborgenheit der reinen Lehre

Papst Benedikt XVI. verkörpert Aufbruch durch Rückwärtsgewandtheit. Die katholische Lehre ist eines der letzten Denkgebäude, das unverrückbare Wahrheiten kennt - die unbefleckte Empfängnis, die Auferstehung, das ewige Leben. Hier ist definiert, was gut und was böse ist. Hier herrscht die Klarheit, die sonst überall fehlt.

Dogmatisch, aber eindeutig: Papst Benedikt XVI.
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REUTERS

Dogmatisch, aber eindeutig: Papst Benedikt XVI.

Die Wissenschaften hingegen müssen akzeptieren, dass Theorien nur Theorien sind und jeden Tag von neuer Erkenntnis mitgerissen werden können. Ihr Grundparadoxon liegt darin, dass jeglicher Zugewinn an Wissen vor allem Klarheit darüber schafft, was man nicht weiß. Sysyphos musste jeden Tag den selben Stein erneut hochrollen, doch in der Wissenschaft vermehren sich die Steine tagtäglich.

In der Politik sieht es nicht anders aus. Die Konzepte wechseln noch schneller als die Moden bei H&M. Oder sie widersprechen sich diametral, obwohl es für die verschiedenen Ansätze plausible Gründe gibt. Soll man nun die Lohnkosten kürzen, um Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen? Oder soll man die Löhne anheben, damit die Binnennachfrage steigt? Wenn sich die Wirtschaftsweisen schon nicht einig sind, wer kann es dann wissen?

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