Sonntag, 22. April 2018

Stress lass nach Wie man bessere Entscheidungen trifft

Süße Pause: Stress fördert Gewohnheiten zu Tage
Kennen Sie das? 17.30 im Büro. Man packt flott seine Sachen, weil man diesmal wirklich pünktlich zum Spinning will. Dann öffnet man doch nochmal kurz die Mailbox - und bevor man auch nur einmal nachgedacht hat, tippt man schon die Antwort - und der Fitnesskurs findet mal wieder ohne einen statt.

Unser Hirn liebt ausgetretene Pfade

"Die schlimmste Herrschaft ist die der Gewohnheit.", soll schon der römische Moralist Publius Syrus einige Jahre vor Christi Geburt festgestellt haben. Und da ist bis heute was dran. Warum ist es nur so schwierig, neue Wege zu gehen - auch wenn sie viel sinnvoller erscheinen als die ausgetretenen Gewohnheitspfade?

Gewohnheiten entlasten das Gehirn
Zum einen liegt es daran, dass unser Gehirn Gewohnheiten liebt. Etwas in der Art zu tun, wie es schon einmal funktioniert hat, entlastet unser Gehirn und vermittelt uns ein Gefühl von Sicherheit.

Zum anderen scheint es so, dass es noch schwieriger wird, sich anders zu verhalten als üblich, wenn man unter Stress steht.

Mit Orangensaft und Schokotrunk der Gewohnheit auf der Spur

Ein Experiment von Lars Schwabe, Professor für Kognitionspsychologie an der Universität Hamburg zeigt das besonders eindrucksvoll: Die Studienteilnehmer sollen zwischen zwei Getränken wählen, die sie zu Anfang des Experimentes beide gleichermaßen mögen: Orangensaft und Schokoladentrunk. Im Anschluss dürfen sich alle an ihrem Lieblingsgeschmack satt essen. Danach sollen sie wieder wählen. Und wie erwartet, entscheiden sich die Studienteilnehmer für den jeweils anderen Geschmack.

Im Test: Gewohnheitsmäßig immer nach dem selben Saft gegriffen
Nur eine Gruppe nicht. Sie wählt weiter gewohnheitsmäßig Orange, auch wenn sie sich an diesem Geschmack längst satt gegessen haben. Die Ursache für dieses etwas stupide Festhängen an der Gewohnheit: Diese Teilnehmer hatten vor dem zweiten Teil des Experimentes per Medikament bestimmte Stresshormone zu sich genommen.

Stress gibt Gewohnheiten noch mehr Vorfahrt

In weiteren Studien konnte Schwabe zeigen, dass die Stresshormone ganz offensichtlich unser Gehirn auf Gewohnheit trimmen - und der Impuls für ein neues Handeln unterdrückt wird. "Unter dem Einfluss des Cocktails aus dem Stresshormon Cortisol und dem Neurotransmitter Noradrenalin ist die Aktivität in der Gehirnregion reduziert, die unser zielgesteuertes Verhalten unterstützt. Die Hirnregion heißt orbifrontaler Cortex und sitzt direkt hinter unserer Stirn", erklärt Schwabe. Stress sabotiert sozusagen das kluge Denken. "Man kann sagen, die beiden Systeme konkurrieren. Und unter Stress verliert das zielgerichtete System an Kraft und dadurch gewinnen die Gewohnheiten Vorfahrt."

Stress sabotiert kluges Denken
Und genau aus diesem Grund beantworten wir die Email, obwohl wir gerade gehen wollen. Oder schreiben im Meeting wieder "Hier. Mach ich!", obwohl wir diesmal die Klappe halten wollten. Unter Stress machen wir es so, wie wir es die ganze Zeit davor schon gemacht haben. Neues Handeln fällt uns schwer.

Wer klug entscheiden will, braucht Ruhe im Kopf

Für alle, die aus dem Teufelskreis von Stress und Gewohnheit aussteigen möchten, hat der Psychologe Schwabe einen Tipp: Wenn man es schafft, sich in einer Stress-Situation daran zu erinnern, dass man jetzt spontan ziemlich sicher nach seinen alten und gewohnten Verhaltensmustern reagieren wird, kann man einen Schritt zurück treten und sich ein bisschen Ruhe nehmen. Und dann, wenn der Geist wieder ruhiger ist, kann man klug abwägen, wie man eigentlich in dieser ganz konkreten Situation reagieren oder agieren möchte.

Um bessere Entscheidungen zu treffen, einfach Mal mehr Zeit lassen.
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Um bessere Entscheidungen zu treffen, einfach Mal mehr Zeit lassen.
Es könnte gut sein, dass man dann beim Blick ins eMail-Postfach entscheidet, dass die Antwortmail gut bis morgen warten kann, auch wenn sie als dringlich markiert ist. Und dann packt man seine Sachen und geht zum Sportkurs. Endlich mal pünktlich.

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