Montag, 19. November 2018

Präventivmediziner Dean Ornish "Man kann die Uhr zurückdrehen"

Jünger und gesünder: Ernährungstipps von Dean Ornish
Corbis

Er ist ein gefeierter US-Mediziner. Bill Clinton hört auf ihn ebenso wie Clint Eastwood. Mit manager magazin online sprach der Präventivmediziner Dean Ornish darüber, wie man Alter und Krankheit ein Schnippchen schlagen kann - und wieso sein Freund Steve Jobs dennoch sterben musste.

mm: Doktor Ornish, sie haben jüngst eine Studie präsentiert der zufolge sich mit dem richtigen Lebensstil Krankheit und Alter zurückdrehen lassen. Eigentlich müssten ihnen die Leute doch die Bude einrennen. Trotzdem hat es selbst bei Ihrem Langzeit-Patienten Bill Clinton eine Bypass-Operation gebraucht, bis er durch eine komplette Lebensstiländerung zwölf Kilo verloren hat.

Ornish: Ich habe mit Clinton seit seinem Amtsantritt 1993 zusammengearbeitet und auf Bitten seiner Frau Hillary auch die Köche im weißen Haus ausgebildet, gesünder zu kochen. Das hat bei all dem Stress schon einen Unterschied gemacht. Aber nach seiner Herz-OP sagte ihm ein Arzt, dass alleine seine Gene für die Krankheit verantwortlich seien. Das ist Quatsch. Und das hab ich ihm auch geschrieben. Selbst wenn Vater und Mutter herzkrank waren, lassen sich Herzerkrankungen rückgängig machen. Man muss nur härter dafür arbeiten. Und das tut er jetzt.

mm: Gibt es denn Tricks den inneren Schweinehund zu überlisten? Oft hält man ja nur wenige Tage durch - und kehrt dann wieder in alte Verhaltensmuster zurück.

Ornish: Man muss mit Änderungen anfangen, die groß genug sind, dass man sich besser fühlt. Je mehr man ändert, desto größer der Effekt - und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man auch durchhält. Dann hat man mehr Energie, mehr Lebensfreude, das Gehirn wird besser durchblutet und kann sogar messbar wachsen. Den Patienten Angst zu machen, wie es viele Ärzte tun, nach dem Motto: Leg die Zigarette weg, oder du kriegst Lungenkrebs, iss den Cheeseburger nicht, sonst kriegst du einen Herzinfarkt. Das nutzt nichts. Angst ist kein nachhaltiger Motivator.

mm: Aber muss wie Clinton man gleich komplett auf Fleisch verzichten, damit es einem besser geht?

Ornish: Von solchen Forderungen halte ich nichts. Deshalb habe ich das sogenannte Spektrum-Modell entwickelt. Es ermöglicht Menschen, die Dinge in dem Maße zu ändern wie sie es können und wollen. Dazu habe ich Lebensmittel in fünf Kategorien eingeteilt - von 1, den nützlichsten bis 5, den wenig hilfreichen. Da kann man, wenn man nicht auf Fleisch verzichten möchte, einfach mehr von denen der Kategorie zwei oder drei essen. Und wenn man an einem Tag reingehauen hat, am nächsten Tag einfach weniger essen. Weil man etwas Ungesundes gegessen hat, ist man nicht gleich ein schwacher Mensch. Das wichtigste ist der gesamt Art und Weise wie wir leben. Und jeder kann entscheiden, wieviel er machen will.

mm: Um Krankheit und Altern aufzuhalten dürfte das aber doch wohl nicht reichen?

Ornish: Sicher, es ist anstrengender, eine Krankheit und Altern umzukehren als vorzubeugen. Aber häufig fangen die Leute klein an und machen dann immer mehr, weil sie sich besser fühlen. Es macht schließlich keinen Sinn, etwas aufzugeben, wenn man nichts Besseres dafür bekommt. Es geht nicht darum länger zu leben, sondern darum sich besser zu fühlen. Aber: Man kann die Uhr zurückdrehen.

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