Dienstag, 30. August 2016

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Paleo Convention in Berlin Vegan speisen? Steinzeit-Futter ist der neue Goldstandard

Steinzeit-Treffen: Paleo Convention in Berlin
Fotos
Sarah Tschernigow

Vor einigen Jahren galten Vegetarier als Exoten und Veganer als durchgeknallte Freaks. Doch sie haben Konkurrenz bekommen: von Paleo. Die Anhänger essen, was es schon in der Steinzeit gab. Am vergangenen Wochenende zeigten sie ihre Kunst auf Europas erster Paleo Convention in Berlin.

Um es gleich klar zu stellen: Paleo-Anhänger essen durchaus mit Messer und Gabel, sie tragen normale Klamotten und besitzen auch ein Smartphone. Allerdings hat das Handy beim Essen nichts auf dem Tisch zu suchen. Die Mahlzeiten sollen zelebriert und nicht in einer "to go"-Mentalität nebenbei verzehrt werden. Gegessen wird bei Paleo das, was es auch schon im Paläolithikum gab: Fleisch, Gemüse, Früchte, Nüsse und Samen. Kein Getreide, kein Zucker, keine Milchprodukte und schon gar kein industrielles Fertigessen.

Auf dem Food Market der Paleo Convention wird schnell klar, dass die eingeschränkte Küche ohne Geschmackverstärker alles andere als langweilig ist. Am Stand von "Ghetto Paleo" gibt es Curtido, eine exotische Form von Rohkost, das die Macher so erklären: "Curtido ist eine Spezialität aus Südamerika, scharfes Sauerkraut mit Chili, Oregano und Knoblauch. Es wird traditionell mit frittiertem Schweinebauch und Manjok in einem Bananenblatt gegessen." So so.

Scharfe Rohkost: Curtido ist Sauerkraut nach sÃ?damerikanischem Rezept, mit Chili, Oregano und Knohblauch.
Sarah Tschernigow
Scharfe Rohkost: Curtido ist Sauerkraut nach sÃ?damerikanischem Rezept, mit Chili, Oregano und Knohblauch.
Bananenblätter sind zwar aus, aber ein paar Meter weiter gibt es Süßkartoffelfritten, getreidefreies Brot aus Flohsamenschalen und Wildgulasch vom Klepelshagener Weiderind.

Wenn Paleo-Anhänger ihren Lifestyle in drei Worten beschreiben sollen, dann sind die Schlagworte "gesund", "natürlich" und "bewusst" immer dabei. Back to Basic, zurück zur Natur - das trifft es in der Tat am besten.

Paleo - das ist mehr als Essen nach bestimmten Regeln, es ist eine Haltung und ein Stück Gesellschaftskritik, wie Mitveranstalter Leon Benedens erklärt: "Heute isst man nebenbei, "to go. Wir machen das anders. Elektrogeräte vom Tisch; wir sitzen mit der Familie zusammen und kochen frisch."

Leon ist 30 Jahre alt, Paleo Coach und Betreiber der Plattform www.paleolifestyle.de. Vor einem Jahr ist er Vater geworden. Auch seine Tochter wird nach den Paleo-Prinzipen ernährt, auch für sie gibt es schon mal ein Stückchen Rinderleber.

Was außerdem zum Paleo-Lifestyle gehört: viel Bewegung, am besten an der frischen Luft. Auf dem Eventgelände können sich die Besucher im Kettlebell-Training oder im Animal Walk probieren.

Benjamin Joone, ein drahtiger und durchtrainierter Typ, bringt den Menschen tatsächlich Tierbewegungen bei. Zum Beispiel Froschhüpfen: Breitbeinig in die Hocke gehen und aus der Tiefe einen großen Sprung nach oben und vorne machen. Er hält das für sehr gesund: "Wenn wir breitbeinig in die Hocke gehen, werden unsere Hüften und Innenschenkel geöffnet und unsere Achillessehne gedehnt. Bei den meisten Menschen sind die total verkürzt." Dann zeigt er einen Lauf auf allen Vieren; gehen wie ein Bär. Zehn Minuten täglich wären ganz gut.

Gewöhnungsbedürftiger Anblick: Barfuß-Schuh aus Känguru-Leder
Sarah Tschernigow
Gewöhnungsbedürftiger Anblick: Barfuß-Schuh aus Känguru-Leder
Ein paar Meter weiter hält der 32-jährige Emanuel Bohlander einen Workshop ab. Der Düsseldorfer ist Barfuß-Trainer der Barefoot Academy und behauptet, dass die meisten von uns verlernt haben, natürlich zu laufen. Schuld daran seien unsere Schuhe. Gerade von den hochwertigen Laufschuhen mit Superdämpfung und -sohle hält er überhaupt nichts: "Weil deine Füße im Schuh permanent unterstützt werden, werden sie immer schwächer. Wie ein Arm in einem Gips. Wenn du den Gips abnimmst, musst du ihn wieder aufbauen."

Zentraler Kritikpunkt ist, dass die meisten Schuhe nach vorne hin enger werden und die Zehen zusammenpressen. Das sei für den großen Zeh problematisch: "Der große Zeh hat eine wichtige stützende Funktion", sagt Emanuel Bohlander, "deshalb sollte er eigentlich etwas von den anderen Zehen abstehen. In einem normalen Schuh beanspruchen wir den großen Zeh aber überhaupt nicht mehr." Mit einer kleiner Übung im Stand könne jeder testen, wie gut sein großer Zeh noch funktioniert: Barfuß stehen und den großen Zeh anheben, die anderen Zehen aber am Boden lassen. Das ist ziemlich schwer.

Ach ja: Auch der Barfuß-Trainer trägt Schuhwerk zum Schutz, aber nur Barfuß-Schuhe. Sie sind sandalenartig, sehr flexibel und stützen überhaupt nicht.

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