Freitag, 24. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Warum Manager nicht auf ihren Körper hören "Man muss bella figura machen"

Gesundheit: So spricht man Männer besser an
Fotos
Corbis

Wie kommt es zum Kreislaufkollaps und wie kann man sich schützen? Das weiß Christoph Bamberger. Der Professor für Endokrinologie und Stoffwechsel des Alterns leitet das Medizinische Präventionscentrum Hamburg (MPCH) - und hat viel mit Managern zu tun, die bei ihm Check-Ups machen.

mm.de: Was geht Ihnen als Präventionsmediziner durch den Kopf, wenn Sie solche Meldungen lesen wie die über den BMW-Chef, der auf großer Bühne zusammengebrochen ist?

Christoph M. Bamberger
MPCH
Der Internist und Hormonexperte ist als bundesweit erster Professor für Endokrinologie und Stoffwechsel des Alterns bekannt geworden. Er ist Autor etlicher Bücher zu Präventionsthemen und gesunder Lebensweise und Direktor des Medizinischen Präventionscentrums Hamburg (MPCH).
Bamberger: Aus Fernsicht sah das aus wie ein klassischer Kreislaufkollaps. Das kann eine akute Störung sein, die auch jeden Gesunden treffen kann - ausgelöst etwa durch einen akuten Infekt. Wenn der dann abgeklungen ist, bleibt nichts zurück, und man ist bald wieder voll einsatzfähig.

mm.de: Welche anderen Ursachen sind denkbar?

Bamberger: Viele, von der Herzstörung bis zu Stoffwechselproblemen. Aber in der Regel gehen Topmanager schon regelmäßig zum Check-Up, einfach, weil für die Firma sonst zu viel auf dem Spiel steht. Da untersucht man dann das Herz gründlich, man möchte den Zustand seiner Hirnarterien kennen und wissen, ob mit den Hormon- und Zuckerwerten alles in Ordnung ist. Akuter Stress führt natürlich auch zu Adrenalinausstoß, das kann vorhandene Grundstörungen verstärken. Man sollte also so viel wie möglich über sich selbst wissen, um früh gegensteuern zu können, wenn etwas ist. Zum Arzt sollte man nicht erst als Kranker gehen.

mm.de: Auf welche akuten Anzeichen sollte man achten? Oder kommen solche Zusammenbrüche völlig aus dem Off?

Bamberger: Alarmzeichen sind auf jeden Fall unregelmäßige Herzschläge - wenn Sie Extraschläge merken oder ein Druckgefühl in der Brust haben. Schwindel ist oft ein Vorbote von Kreislaufereignissen, ebenso Hörgeräusche: Ein Tinnitus ist auch eine Warnung.

mm.de: Bei dem Pensum, das so ein Auto-CEO vor der wichtigsten Messe der vergangenen Jahre hat, fragt man sich doch unweigerlich: War der nicht einfach überarbeitet?

Bamberger: Möglich - chronischer Stress ist eine Quelle für eine Vielzahl von Erkrankungen. Ein klassischer Burn-Out sieht allerdings anders aus. Da ist man eher depressiv, fühlt sich handlungsunfähig, müde und machtlos. Aber unter Belastung zeigt sich natürlich auch, welche Achillesferse man hat. Dann werden vorhandene Störungen verstärkt: Manche Menschen haben dann Rückenprobleme, andere bekommen Magengeschwüre. Oder eben Kreislaufprobleme.

Newsletter von Maren Hoffmann
mm.de: Ein Auto-CEO kann aber die IAA nicht ausfallen lassen, solange er noch gehen kann. Oder?

Bamberger: Das ist so. Es wäre wahrscheinlich nicht gut angekommen, wenn er gesagt hätte: Da möchte ich jetzt lieber nicht hin, das wird mir alles zu viel. Aber vielleicht hätte er im Vorfeld den Terminkalender doch etwas lichten können.

mm.de: Wenn man weiß, dass man vor einer sehr stressigen Phase steht - wie kann man einen sehr eng getakteten Kalender gut überstehen?

Bamberger: Da sind wir wieder bei der Vorsorge. Sie sollten wissen, dass sie körperlich gesund sind, damit Sie nicht ausgerechnet dann, wenn es am schlechtesten passt, von irgendetwas Unerwartetem niedergestreckt werden. Stress alleine ist nicht gefährlich. Das ist er nur dann, wenn er chronisch wird und körperliche Symptome verursacht: Schlafstörungen etwa oder andere Signale, dass etwas nicht stimmt. Da müssen Sie dann ganz klar priorisieren und sich zuerst darum kümmern, weil sonst der Rest garantiert noch stressiger wird.

mm.de: Gerade als Manager sollte man doch Signale, dass etwas nicht gut läuft, deuten können, oder?

Bamberger: Nun ja. Körperliche Unversehrtheit und unlimitierte Leistungsfähigkeit sind auch Symbole der Macht. Es wird immer gesagt, man solle Schwächen zugeben - aber wenn es dann tatsächlich einer tut, bekommt man im Normalfall die Quittung. Man muss bella figura machen. Aber das heißt ja nicht, dass man keine Möglichkeiten hätte, sich um sein körperliches Wohl zu kümmern.

mm.de: Wenn es zu einem Kreislaufkollaps gekommen ist: Wie verhält man sich danach richtig?

Bamberger: Das hängt sehr stark von der exakten Diagnose ab. Wenn es tieferliegende Ursachen gibt, die auch medizinisch nicht leicht zu beheben sind, muss man vielleicht auch mal ein Coaching in Anspruch nehmen und sich ganz unvoreingenommen beraten lassen, wie man seine Ressourcen schonen kann.

mm.de: Wie soll man als Mitarbeiter oder Kollege mit Managern umgehen, die erkennbar über dem Limit leben?

Bamberger: Wenn das Ihr Vorgesetzter ist, können Sie eigentlich nichts machen. Das müssen Sie dem familiären Umfeld überlassen. Leute, die einem persönlich nahestehen, sollten das dann aber durchaus ansprechen. Aber für die Beratung, wie man sein Leben am besten ändern kann, dafür brauchen Sie Hilfe von außen. Da ist die Familie zu nah dran, und auch jemand aus dem Arbeitsumfeld kann das nicht.

Vor sieben Jahren sprachen wir schon einmal mit Christoph Bamberger - über die Frage, wie man gesünder leben kann. "Zehn gesunde Jahre mehr " seien drin, meinte er damals. Hier geht es zum Interview.


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier und für Android-Geräte hier.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH