Freitag, 24. November 2017

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Fahrradtest Möve Franklin Pro mit Cyfly-Antrieb Mehr Kick dank 100-teiligem Ingenieurs-Trick

Beim Sprint dem Pulk aus Normalradlern davonziehen, ohne seinen Drahtesel alle paar Dutzend Kilometer an die Steckdose hängen zu müssen? Das dies auch mit purer Mechanik möglich ist, will ein Start-Up aus Thüringen zeigen. Möve Bikes hat in jahrelanger Tüftelarbeit eine Alternative zu herkömmlichen Fahrrad-Tretkurbeln entwickelt, die beim Antritt aus dem Stand eine deutlich bessere Kraftübertragung liefern soll.

Cyfly heißt der aus 100 Einzelteilen bestehende Pedalantrieb, den Möve Bikes Anfang September auf den Markt gebracht hat. Die Mechanik dahinter erklärt Möve-Chef Tobias Spröte, ein 37-jähriger studierter Maschinenbauer, mit so schönen Worten wie "Planetengetriebe" oder "Viergelenk". Für technisch weniger Versierte ist eine Sache entscheidend: Der Cyfly-Antrieb nutzt eine deutlich längere Pedalkurbel als herkömmliche Fahrradantriebe. Das bringt beim In-die-Pedale-Treten mehr Druck auf die Kette und damit eine höhere Beschleunigung. Damit die Kurbel nicht am Boden schleift, wird sie bei jeder Umdrehung mit einem Konstrukt aus Gelenken und Pendeln entsprechend umgelenkt.

Diese neue Form des Pedalantriebs hat Möve mit auf Fahrradmechanik spezialisierten Ingenieursbüros gründlich getestet. Das Ergebnis: In jenem Bereich, in dem beim Radeln die größten Tretkräfte wirken, bringt der Cyfly-Antrieb um ein Drittel mehr Drehmoment - und damit auch eine bessere Beschleunigung.

Soviel zur Theorie. Doch wie schlägt sich der neue Antrieb in der Praxis? Das hat manager-magazin.de in einem mehrwöchigen Praxistest erkundet. Möve startet erstmal mit nur einem Modell, das die Thüringer "Franklin" getauft haben - in Anlehnung an die Möven-Art mit den längsten Zugwegen. Das gibt es in den Varianten Pure und Pro, wir fuhren die zweite Variante, die inklusive Schutzblechen, Nabendynamo und einem kleinen Gepäckträger ausgeliefert wird.

Der Antrieb benötigt Eingewöhnung

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Ungewohnt waren mit unserem in Weiß gehaltenen Testrad die ersten paar hundert Meter. Denn das vordere Kettenblatt ist nicht rund, sondern hat konstruktionsbedingt vier Abrundungen. Das sorgt dafür, dass sich die Kurbelei am Anfang ziemlich unrund anfühlt und an das Fahrgefühl mit den ovalen Biopace-Kettenblättern erinnert, die vor gut 20 Jahren ziemlich angesagt waren.

Eine zweite Eigenart des Antriebs trat erst nach mehreren Kilometern Fahrt zutage: Da er deutlich breiter ist als ein herkömmliches Kettenblatt samt Kurbeln und Pedalen, ist die Beinstellung geringfügig anders als bei einem herkömmlichen Bike. Bei mir sorgte die ungewohnte, aber nicht unangenehme Stellung für die Belastung anderer Muskelgruppen. Ich hatte den Eindruck, dass das Strampeln via Cyfly etwas stärker den oberen Quadrizeps belastete als ein herkömmlicher Antrieb.

Dafür kam ich aber mit dem Rad in einigen Situationen merklich schneller oder müheloser voran als mit meinem konventionellen, knapp 13 Kilogramm schweren Stadtrad. Beim Antritt an der Ampel machte sich das Drehmoment-Plus zwar nicht beim allerersten Pedaltritt bemerkbar, sondern erst nach drei oder vier Metern. Dann hatte ich kurzzeitig tatsächlich das Gefühl einer merklich stärkeren Beschleunigung - fast wie mit einem E-Bike.

Am deutlichsten trat die Tret-Erleichterung jedoch bei leichten Steigungen in Erscheinung. Wo konventionelle Radfahrer entweder zurückschalten oder deutlich kräftiger in die Pedale treten mussten, konnte ich mein Tempo ohne große Mühen oder Schalten halten. Da spürte ich auch kaum mehr, dass der Cyfly-Antrieb knapp zwei Kilo schwerer ist als konventionelle Tretmechanik von Shimano oder Sram.

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