URL: http://www.manager-magazin.de/lifestyle/fitness/a-870186.html

11. Dezember 2012, 07:35 Uhr

Radeln im Wohnzimmer

Völlig auf der Rolle

Von Martin Hintze

Wie überleben Radfahrer die kalte Jahreszeit? Ganz einfach: Sie strampeln weiter. Gegen den inneren Schweinehund, gegeneinander, miteinander, sogar hinauf zum L'Alpe d'Huez. Und das alles im eigenen Wohnzimmer.

Hamburg - Dass es anstrengend wird, war von vornherein klar. Aber dass es derart schweißtreibend ist, wollte ich wohl nicht wahrhaben. Längst sitze ich nicht mehr entspannt im Sattel, im Wiegetritt werden alle Kräfte mobilisiert. Attacke - wie einst Lance Armstrong, allerdings ohne Doping. Mein Ziel: Ich will einen Burger wegradeln.

Ja, richtig. Kilometer fressen war gestern. Heute strampel' ich mir einen Burger von der Hüfte. Oder besser gesagt: Es wird so lange in die Pedale getreten, bis die 324 kcal (es muss sich um einen eher kleinen Burger handeln, ein Bic Mac bringt es auf 495 kcal) weg sind. Eine Smartphone-App zählt die Kalorien herunter, während die Kombination aus Fleischscheibe, Matschbrötchen und einem Anstands-Salatblättchen langsam vom Handy-Bildschirm verschwindet. Viel zu langsam. Nach nicht einmal fünf Minuten wird mir klar, was ich eigentlich immer schon wusste: Essen macht mehr Spaß als abtrainieren.

Obwohl: Es könnte weitaus schlimmer sein. Draußen ist es dunkel, nasskalt und neblig. Sich jetzt auf das geliebte Rennrad zu schwingen, käme einem Suizidkommando gleich. Ich dagegen habe es lauschig. Keine rutschige Fahrbahn, keine vom Glühwein angeschwipsten Fußgänger, die meine Wege kreuzen. Über mir ein festes Dach, unter mir ein nagelneues Fahrrad-Ergometer.

Schwarze Klavierlack-Optik mit roten Kontrasten, Glas-Touchscreen und Smartphone-Bedienung - der Hersteller Kettler hat es beim "Racer-S" offenbar darauf abgesehen, den Fett-weg-Strampler auch in einem Designer-Loft nicht völlig fehl am Platz aussehen zu lassen. Besagte Spielereien mit hochkalorischen Speisen sollen die Motivation der Freizeit-Radler ankurbeln. Ambitionierte Fahrer können sich in diversen Trainingsmodi auspowern und haben alle Leistungswerte - beispielsweise Tritt-, Puls- und Herzfrequenz - stets im Blick.

Bergetappen ohne Gegenwind

Wer nicht nur den Wettkampf mit dem eigenen Schweinehund sucht, sondern auch gegen andere Fahrer antreten will, kann sich virtuell auf die Rennstrecke begeben. Das Ergometer wird zum Videospiel, nur der Schmerz in den Beinen ist echt. Geschaltet wird per Touchscreen. Der Tretwiderstand passt sich dem Höhenprofil der Strecke an, sprich: geht es bergan, langt die Wirbelstrombremse kräftig zu; bei einer Talfahrt sollte man schleunigst den höchsten Gang einlegen, um Boden auf die softwaregesteuerten Verfolger gut zu machen. Nur den Gegenwind braucht hier niemand zu fürchten. Als Belohnung winken dem Gewinner neue Strecken, auch ein Teil der Flandern-Rundfahrt ist dabei.

Was jahrelang nur professionellen Radfahrern vorbehalten war, soll alltagstauglich werden: das anspruchsvolle Training daheim. Freilich sind Ergometer keine neue Erfindung, aber in Kombination mit der entsprechenden Software versuchen die Hersteller von Fitness-Geräten die Rennstrecke ins Wohnzimmer zu bringen. Über Foren und Blogs verabreden sich Heim-Radler zu Live-Wettkämpfen, tauschen Trainingspläne aus und überbieten sich gegenseitig mit Bestmarken.

Kettler arbeitet momentan zwar noch an einem Software-Update für den "Racer-S", bei anderen Anbietern sind Online-Wettkämpfe bereits möglich. "Der Run auf Ergometer ist da, einige sind da regelrecht süchtig", sagt Klaus-Dieter Preuss vom Hersteller Daum Electronics. Manchmal sei der Andrang so groß gewesen, das der hauseigene Server für die Online-Rennen in die Knie ging. Das Angebot ist groß - erst recht im Winter. Anfang Dezember startete beispielsweise die Ergo-Bike-Trophy, ein sechsteiliges Rennen mit einem 150-köpfigen Teilnehmerfeld.

Spielerei mit positiven Nebenwirkungen

Bei den Strecken sind den Radler-Fantasien keine Grenzen gesetzt. Klassiker wie die berüchtigte Bergankunft L'Alpe d'Huez bei der Tour de France sind genauso möglich wie eine entspannte Tour an der Ostküste Neuseelands oder die 181 Kilometer lange Strecke des Ironman auf Hawaii mit 1000 Höhenmetern. Einzige Voraussetzung: die GPS-Daten der Strecke müssen vorhanden sein. Für die Ego-Perspektive greifen manche Programme auf DVD-Filme oder Videodateien zurück, die je nach Fahrgeschwindigkeit schneller oder langsamer über den Rechner laufen. Andere nutzen Material von Google-Street-View oder von der Konkurrenz-Suchmaschine Bing - gegen Lizenzgebühren.

Beim niederländischen Hersteller Tacx ist auch das Lenken möglich. Dafür braucht man allerdings ein eigenes Rad, denn bei den Geräten handelt es sich nicht um Ergometer, sondern um Rollentrainer. Die Auswahl an virtuellen Strecken ist groß, richtet sich aber eher an ambitionierte Fahrer. Wer mag, kann sich beispielsweise dem Team Quick Step anschließen und virtuell 100 Kilometer an der spanischen Costa Blanca entlang brausen - Zwischensprints gegen Weltmeister Tom Boonen inklusive. Welches System das richtige ist, ist Geschmackssache. Bei Preisen von bis zu 1800 Euro (Kettlers Racer-S) ist ein ausführlicher Test beim Fachhändler angeraten.

Leistungsschub durch Ablenkung

Alles nur Spielerei? Schon, aber mit positiven Nebenwirkungen. "Rennsimulationen steigern im Vergleich zu einem herkömmlichen Ergometer-Training die Motivation", sagt Linda Schücker vom Arbeitsbereich Sportpsychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Ablenkung von sich selbst kann auch die Leistung beflügeln. Die Wissenschaftlerin hat ein Experiment mit Läufern gemacht, für die es ähnliche Simulationsprogramme gibt. "Schmerzen merkten die Probanden weniger schnell, zudem war der Sauerstoffverbrauch messbar geringer", erklärt Schücker.

Vom Leistungsschub ist bei mir wenig zu spüren. Noch immer lacht mich der Burger höhnisch vom Display aus an. Mir reicht's. "Wollen Sie wirklich aufgeben?", fragt das impertinente Programm. Allerdings. Ich sattel' um und wähle das Weizenbier. Das ist zum Glück in wenigen Minuten weggeradelt.


Mehr zum Thema:


© manager magazin online 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH