Dienstag, 27. Juni 2017

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Tretroller für Sportler Fahrspaß zu Fuß

Trittfest: Sportroller für Erwachsene
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Tretroller sind Kinderkram? Weit gefehlt. Echte Footbikes für ausgewachsene Sportler haben mit den klapprigen Alu-Scootern aus dem Baumarkt soviel gemein wie ein Porsche 911 mit einem Fiat Punto. Dieses Jahr trifft sich die noch junge Szene in Deutschland zur Weltmeisterschaft.

Hamburg - Jens Seemann ist sportlich unterwegs, das sieht man ihm gleich an: Enges Trikot eines Hamburger Radsportvereins, Sporttights, Laufschuhe, Helm. Aber das muskelgetriebene Gefährt, mit dem er schneller fährt als die meisten Alltagsradler, zieht regelmäßig verdutzte Blicke auf sich: Seemann ist Tretrollerfahrer. Zwei Räder, Trittbrett, Lenker, Bremse, das ist sein Sport.

Tretrollerfahren - das klingt erstmal nicht so cool, sondern eher nach lustigen roten Puky-Rollern mit Krümelmonster-Klingel oder den klapprigen Alu-Scootern, die es ein, zwei Sommer lang in jedem Baumarkt gab. Aber mit diesen Geräten haben echte Footbikes so wenig gemein wie ein Fiat Punto mit einem Porsche 911. Die richtig guten Tretroller sind luftbereift, haben vorne ein großes Rad und hinten meist ein etwas kleineres, damit es dem Fahrer bei dynamischen Bewegungsabläufen nicht im Weg ist. Und wie bei allen Fahrsportarten gibt es begeisterte Tuner, die mit Ultraleichtmaterialien, Radgrößen und Lenkerformen experimentieren.

"Ich fand Roller schon früher interessant, hatte aber Bedenken, ob es peinlich ist, damit unterwegs zu sein", erzählt Seemann. Es brauchte nicht lange, bis die Peinlichkeit sich legte. Kürzlich hat er das erste grundlegende Buch über den Tretrollersport veröffentlicht. Als Ingenieur habe er einen "Hang zum technisch Besonderen" - und seine Roller baut oder tunt er dann auch selbst. Für den Anfang hatte er sich einen gebrauchten Tretroller bestellt und sich nach gerade mal zehn Trainingskilometern gleich für den ersten Marathon angemeldet.

Das Gute am Rollersport sei, sagt Seemann, dass er genau zwischen den Sportarten Laufen und Radsport liege: "Mit dem Rennrad ist man zwar schneller, aber auch tendenziell gefährlicher unterwegs. Die Radwege sind oft schlecht und nerven Radsportler mehr als langsame Renntretrollerfahrer, die Bodenunebenheiten besser mit den Beinen ausfedern können. Rennradler weichen daher oft auf die Straße aus, die sie sich dann mit Autos und Lkws teilen müssen."

Die Technik ist erfreulich wartungsarm

Der Fahrkomfort ist erstaunlich. Weich und leicht gleitet der Roller dahin, erfreulich wartungsarm ist die Technik - keine Tretlager, keine schmierigen Ketten, keine Gangschaltung. Sitzpolster in der Hose braucht man auch nicht, schließlich sitzt man nicht - und weil der Oberkörper viel mehr bewegt wird und das Rollerfahren generell weniger statisch ist, wird der Rücken gleich mit trainiert.

Und auch wenn Seemann genug Material gefunden hat, um ein ganzes Buch über seinen Sport zu verfassen: "Die Technik ist nicht kompliziert zu lernen. Nach vielleicht 200 Kilometern hat man alle Tritte geübt." Auch solche wie den "Tritt mit hohem Knie", den man braucht, um richtig Speed zu machen, und die verschiedenen Fußwechsel, ohne die auf langen Strecken gar nichts geht.

Spitzenfahrer wie der finnische Champion Kai Immonen machen richtig Tempo - er hält den 400-Meter-Rekord mit 42,1 Sekunden. Beim Marathon erzielen gute Tretrollersportler Durchschnittsgeschwindigkeiten von mehr als 30 Stundenkilometern. Und auch lange Strecken seien kein Problem, sagt Seemann. Touren bis 190 Kilometer hat er schon am Stück zurückgelegt.

Anders als etwa in Finnland oder den Niederlanden ist in Deutschland die echte Sportlerszene allerdings noch klein. "Die Verkaufszahlen an guten großen Tretrollern mit Luftreifen dürften über alle Marken hinweg fünfstellig sein", schätzt Joachim Sternal, Vorstandsmitglied im Deutschen Tretroller Verband (DTRV), und die Zahl aktiver richtiger Tretrollersportler sei eher vierstellig.

Immerhin ist Deutschland in diesem Jahr der Austragungsort der alle zwei Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft. Auch wenn das Weltereignis bisher noch überschaubar und eher familiär bleibt. Stendal hofft, die 200er-Grenze bei der Teilnehmerzahl zu knacken. Aber das Gute am Nischensport ist, dass in den Nischen reichlich Platz ist - auch für Newcomer. Bei der Weltmeisterschaft kann man einfach so teilnehmen, Anmeldung reicht. Einzige Voraussetzung: Man braucht einen Roller. Es wird allerdings dringend empfohlen, dass man vorher schon mal bei einem Wettkampf mitgemacht haben sollte.

Aber auch wer gar keine Wettkampfambitionen hat, sondern nur entspannt durch die Stadt cruisen will, kann mit einem Roller gut bedient sein. In die deutsche Straßenverkehrsordnung will das Gefährt nicht so richtig hineinpassen. Das ist ein Vorteil für die Fahrer, denn offiziell gelten deshalb selbst High-Tech-Footbikes, mit denen man locker die meisten Freizeitradler abhängen kann, als Spielzeug.

Das heißt: Man darf sie, anders als Fahrräder, auch zu Stoßzeiten kostenlos in Bus und Bahn mitnehmen, und man darf damit auch überall auf dem Bürgersteig und in Fußgängerzonen herumsausen.

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