Freitag, 16. November 2018

Starfotograf Jochen Blume "Fotografie ist brutaler geworden"

John F. Kennedy, Willy Brandt, Romy Schneider - Jochen Blume ist Politikern und Künstlern des 20. Jahrhunderts mit seiner Kamera näher gekommen als viele andere. Im Interview mit manager-magazin.de spricht der Fotoreporter über seine Erlebnisse mit den Stars von damals und über die Leidenschaft des Fotografierens.

mm.de: Herr Blume, Sie sind Fotojournalist mit mehr als 50 Jahren Berufserfahrung. Ihre Bilder zierten die Titelbilder von "Stern" und "Bild"-Zeitung. Wenn Sie heute über das Fotografieren sprechen, sprechen Sie oft vom "richtigen Moment". Gibt es den überhaupt?

Blume: Auf jeden Fall. Es gibt eine Menge Situationen, bei denen ich dachte: Das ist der richtige Moment. Und ich denke, dass es einige Fotos gibt, auf denen ich ihn auch getroffen habe.

Ich habe es mit meinem Zeigefinger in der Hand, den richtigen Moment einzufangen. Und dann drücke ich auf den Auslöser und merke: Das ist er. Wie zum Beispiel beim Foto von Willy Brandt am Checkpoint Charlie.

mm.de: Wie ist es Ihnen in dem Fall gelungen, den perfekten Moment einzufangen?

Blume: Es war der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus. Am frühen Morgen kam der Anruf, dass ich schnell an die Sektorengrenze fahren sollte, weil da irgendetwas passierte. Also bin ich zum Checkpoint Charlie gefahren, wo sich die russischen und die amerikanischen Panzer schon gegenüberstanden. Und überall waren GIs mit geladenen Waffen.

Plötzlich gab es ein großes Gedränge: Willy Brandt kam. Natürlich hätte ich ihn am liebsten von vorn fotografiert, wenn er über die Grenze schaut. Aber das war unmöglich - auf die andere Seite der Grenze konnte ich schließlich nicht. Also musste ich mich ganz nah an die Gruppe um Brandt stellen und sie quasi in mich hineinlaufen lassen. Da wusste ich: Du hast höchstens drei Schuss, um dein Foto zu bekommen. So nah hatte ich noch nie eine Gruppe fotografiert. Aber es hat funktioniert. Willy Brandt blickt auf dem Foto sehr ernst. Es ging schließlich darum, ob es Krieg geben würde.

mm.de: Das Foto, auf dem Sie John F. Kennedy bei seiner "Ich bin ein Berliner"-Rede abgelichtet haben, gilt als Ihr bekanntestes. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere daran?

Blume: Es ist aus einer damals ungewöhnlichen Perspektive heraus fotografiert. Das Bild kostete mich einige Schweißperlen: Ich zog an dem Tag im Sommer 1963 stundenlang mit meinem 600er Objektiv durch die Gegend, auf der Suche nach der perfekten Perspektive, und verfluchte mich schon selbst dafür. Es war heiß, das Ding wurde immer schwerer. Niemand außer Kennedys Fotograf durfte auf den Balkon, also musste ich mir einen anderen guten Platz suchen.

Irgendwann machte sich die Schlepperei bezahlt: Durch mein Objektiv mit der langen Brennweite konnte ich mich weiter weg vom Balkon platzieren, während die anderen Fotografen alle nur die kurzen Brennweiten hatten. Dadurch hatte ich eine bessere Perspektive als alle anderen.

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