Samstag, 16. Februar 2019

Korruption Das legalisierte Bakschisch-Wesen

Wolfgang Hetzer ist seit vielen Jahren praktisch und publizistisch mit Fragen der internationalen Sicherheits- und Kriminalpolitik beschäftigt. Sein Gastbeitrag für manager-magazin.de ist die gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem neuen Sammelband "Korruption im Wirtschaftssystem Deutschland".

Erstaunlicherweise scheint immer noch der Eindruck verbreitet zu sein, dass die globale Korruption vor allem darin bestehe, dass Geber aus den Industrieländern und Empfänger aus den Entwicklungsländern aufeinander treffen.

Wolfgang Hetzer war als Referatsleiter im Bundeskanzleramt zuständig für die Aufsicht über den Bundesnachrichtendienst (BND) in den Bereichen Organisierte Kriminalität, Geldwäsche, Nichtverbreitung von Massenvernichtungs- waffen und strategische Überwachung der Telekommunikation.

Seit 2002 leitet Hetzer die Abteilung "Intelligence: Strategic Assessment & Analysis" im Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Brüssel. Er ist Autor des Buches "Tatort Finanzmarkt" (Europäische Verlagsanstalt, 2003), das die Geldwäsche zwischen Kriminalität, Wirtschaft und Politik schildert.
In jüngerer Zeit hat aber unter anderem die Geschichte des ehemaligen französischen Staatskonzerns Elf Aquitaine Börsen-Chart zeigen gezeigt, dass die Bestechung von Politikern und Beamten im Stammland eines Konzerns zum System der korruptiven Verflechtung gehört.

Bemerkenswert ist dabei, dass die innerhalb der Industrieländer gezahlten Bestechungssummen wesentlich höher sind als die in die Entwicklungsländer geleisteten Zahlungen. Dafür gibt es mindestens drei Erklärungen:

  • In den Industriestaaten sind die Ansprüche der Politiker, Beamten und weiterer Entscheidungsträger aufgrund des höheren Niveaus der Einkommen weit höher;


  • in Rechtsstaaten sind an der Auftragserteilung bei Großprojekten bis zu zwei Dutzend Personen beteiligt, die je nach Entscheidungskompetenz und hierarchischer Stellung ihren Anteil erhalten;


  • das Gesamtvolumen der Aufträge in einer einzigen europäischen oder US-amerikanischen Großstadt ist größer als in manch einem Entwicklungsland.
Konzerne, die international wegen Korruption auffällig geworden sind, greifen in der Regel auch in ihrem Stammland zu korrumpierenden Praktiken. Als Beispiel sei hier nur die Siemens AG Börsen-Chart zeigen genannt. In einem Großverfahren gegen fünf Angestellte dieses Unternehmens im Zusammenhang mit dem Bau von Klärwerken in München zeigte sich, dass dort mit denselben Methoden gearbeitet wurde, wie sie in den Entwicklungsländern üblich sind:

  • Einschaltung eines externen Vermittlers,


  • verdeckter Geldfluss über eine Finanzoase,


  • Einrichtung eines Nummernkontos für den Empfänger vorzugsweise in der Schweiz,


  • Falschdeklarierung der Kommissionszahlung,


  • Überhöhung des Auftragspreises.
Die verurteilten Manager hatten offenbar nicht das geringste Schuldbewusstsein. Siemens hat die Anwaltskosten übernommen. Während des Gefängnisaufenthaltes liefen die Gehaltszahlungen weiter, einschließlich der allfälligen Erhöhungen. Die Schlussfolgerung ist nahe liegend: Korruption liegt im Unternehmensinteresse und ist normaler Bestandteil des Managementhandelns.

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