Donnerstag, 22. Februar 2018

Tesla Model S - Fazit (II) Anti-Verzichtsmobil mit kleinen Makeln

Tesla Model S beim Laden mit Baustellenstrom:
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Tesla Model S beim Laden mit Baustellenstrom:

Wer Elektroauto fährt, muss verzichten - dieses Vorurteil habe ich nach drei Tagen im Tesla Model S abgelegt. Zwar fehlen dem Auto ein paar Oberklasse-Details. Beim Fahrspass schlägt der Tesla jedoch viele Limousinen um Längen. Nur die Lade-Infrastruktur hinkt gewaltig nach.

Knapp drei Tage für 1300 Autobahnkilometer, vom südlichen Garmisch-Partenkirchen bis ins nördliche Flensburg: Was für Vielfahrer eher nach einer gemütlichen Spazierfahrt klingt, wurde in für mich Teslas Model S teils zum Straßenabenteuer. Am Auto selbst lag das weniger: Trotz seiner 2,2 Tonnen Gewicht und fünf Metern Länge bewegt sich der Wagen erstaunlich leichtfüßig über Autobahnen und Schnellstraßen, Bodenunebenheiten schluckte die verstellbare Luftfederung problemlos.

In Erinnerung werden mir drei Dinge bleiben. Zum einen die enorme Beschleunigung. Nur 4,4 Sekunden benötigt unser Testwagen auf dem Papier, um aus dem Stand auf 100 km/h zu kommen. In der Praxis hieß das: Das Überholen auf Landstraßen machte mit dem Tesla richtig Laune - auch an Stellen, an denen ich solche Manöver mit einem durchschnittlich motorisierten Mittelklassewagen nie gewagt hätte.

Bemerkenswert ist auch die Gelassenheit, die das Fahrzeug im Stadtverkehr vermittelt. Fast völlig lautlos im Fünf-Meter-Koloss durch die Straßen zu gleiten sorgt als Lenker und Beifahrer für ein unerhört erhabenes Gefühl. Die Angst, mit leerer Batterie hängen zu bleiben, kam kaum auf. Denn die verschiedenen Anzeigemodi für die restliche Reichweite stellten sich als ziemlich verlässlich heraus - ob wir nun durchschnittliches Autobahntempo fuhren wie am ersten Tag, reichweitenmaximierend dahinschlichen wie am zweiten oder auf die Tube drückten wie am dritten Tag (das komplette chronologisch geordnete Protokoll lesen Sie hier).

In einigen Details noch nicht ganz Oberklasse

Ganz in der Oberliga ist der Tesla zumindest im Inneren aber noch nicht angekommen - trotz der 95.900 Euro, die Tesla für unseren Testwagen in Rechnung stellen würde. Im Vergleich zu mit zahlreichen Knöpfen überfrachtenen Cockpits kommt Teslas Innenraum zwar angenehm reduziert daher. Rund um das Lenkrad sind je ein Hebel für Blinker, Tempomat und Licht platziert, der Rest wird über den 17 Zoll großen Touchscreen gesteuert.

Doch in einigen Details patzt Tesla. So sind die Ledersitze zwar beheizbar und vielfältig verstellbar, doch ausgerechnet eine Höhenverstellung für die Kopfstütze fehlt. Eine UMTS-Internetverbindung hat er zwar ab Werk an Bord, als Hotspot für Laptops lässt sich de aber nicht nutzen. Das Radio in dem Auto klingt zwar toll - es gelang uns aber nicht, es mal völlig auszuschalten. Außer einer Traktionskontrolle bietet das Auto keinerlei Assistenzsysteme. Und die aus dünnem Plastik gefertigten Sonnenblenden fühlen sich nicht so an, als würden sie die nächsten 10.000 Kilometer überstehen.

Das sind alles Kleinigkeiten, gewiss. Doch die typischen Kunden von BMW Börsen-Chart zeigen , Audi Börsen-Chart zeigen oder Mercedes Börsen-Chart zeigen erwarten solche Annehmlichkeiten. Regelrecht vorführen lassen muss sich Deutschlands Autoelite aber in einem viel wichtigeren Punkt: Der Innovationsstärke. Kein deutscher Hersteller wird in den nächsten Jahren ein Auto mit Elektroantrieb anbieten, das eine ähnlich große Reichweite aufweist wie der Tesla. Die Riesenbatterie ist deshalb das größte Pfund, mit dem Tesla wuchern kann.

Zumindest in Deutschland kann dieses Pfund aber auf längeren Strecken noch schnell zur Bürde werden. Von Mittwoch bis Freitag waren wir Stromjunkies, immer auf der Suche nach der nächstgelegenen Ladesäule. Die musste dem Tesla mindestens 32 Ampere bieten, um in einer annehmbaren Zeit den Akku wieder aufzufüllen. Doch als viel wichtiger erwiesen sich zwei Fragen: Können wir vor der Ladesäule tatsächlich parken? Und wird der Strom auch ohne eigene Zugangskarte fließen?

Eines hat der Langstreckentest im Nobelstromer deutlich vor Augen geführt: In den dichter besiedelten Gebieten Deutschlands gibt es keinen Mangel an Elektroauto-Ladesäulen. Mangelhaft bis blamabel sind jedoch die Abrechnungssysteme fürs Stromzapfen und die rechtliche Situation rund um Elektroauto-Parkplätze.

Teslas Model S legt die Latte für die deutschen Hersteller hoch. Das Auto zeigt, dass Elektroautos bereits heute nicht reine Stadtfahrzeuge sein müssten, wie alle deutschen Hersteller immer beschwören. Das nötige Kleingeld und ein wenig Planung vorausgesetzt, bewältigt ein Elektroauto wie das Model S auch mühelos längere Strecken. Nur die deutschen Kommunen und Versorger sind darauf noch überhaupt nicht vorbereitet.

So bewertet mein Kollege Nils-Viktor Sorge das Auto und die Ladeproblematik

Der komplette Test zum Nachlesen (chronologisch geordnet)

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