Sonntag, 23. Juli 2017

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Ausstellung "Fetisch Auto" Das komplexe Ding

Das Auto ist ein Objekt mit einer eigenen Ästhetik, das seit seiner Erfindung vor 125 Jahren viele Künstler fasziniert hat. Eine sehenswerte Schau in Basel wirft einen durchaus kritischen Rückblick auf die Geschichte des fahrbaren Untersatzes. Und ein stilechtes Autokino gibt es auch.

Basel - Während oben stinkende Blechlawinen über die Autobahnbrücke donnern, ist es unten im Tinguely Museum und auf dessen grünem Gelände fast demütig still. Die Ausstellung "Fetisch Auto" spricht, das fällt schon auf, vor allem das männliche Publikum an. Erotischer und religiöser Fetisch sowie Warenhype - nach diesen Kriterien hat Kurator Roland Wetzel das "komplexe Ding" Automobil in vielen seiner Facetten erfasst.

Viele Besucher verweilen vor den Fotografien der Künstlerin Liz Cohen, die als spärlich bekleidetes Modell auf einem PS-potenten Auto posiert. "Bodywork Roof" heißt ihre Arbeit, bei der sie in klassischer Pin-up-Pose einen mittels Getriebe und Hydraulik mutierten Trabant erotisch auflädt.

Zentraler Anlaufpunkt der Schau in Basel ist jedoch das Kunstwerk "Cosmic Thing" des Mexikaners Damián Ortega: Von der Decke der großen Halle baumelt ein vollständig in seine Einzelteile zerlegter VW Käfer, Baujahr 1983. Hier geht es nicht um die Bewunderung der Fahrpotenz, sondern um die Anerkennung jeder einzelnen Schraube, um eine allumfassende Huldigung des Automobils.

Das Auto, es ist Medium, ein Objekt mit einer eigenen Ästhetik, das Prestige, Emotionen, Leidenschaften verkörpert. Es ist Fortbewegungsmittel, Schmuck, Ich-Ausstattung, Requisit, Accessoire, Schutzraum, Waffe, Geliebte und Gefährte. Und so zeigt sich das Leitmotiv Fetisch als ergiebig: Fotos, Installationen, Videos, Gemälde und Skulpturen in allen Dimensionen zum wichtigsten Kulturgut des 20. Jahrhunderts.

Porsche mit Geschützturm

Im Video "Dirty Car" von Franck Scurti leckt ein junger Mann eine Karosserie ab. Peter Keetman zeigt in seinen Fotografien den kühlen Glanz der Metalloberfläche einzelner Autoteile. Die Arbeiten von Walker Evans mit dem Titel "Joe's Auto Graveyard, Pennsylvania" thematisieren die Vergänglichkeit der Vehikel auf dem Autofriedhof, und der Pop-Art-Maler Mel Ramos deformiert in seinem Werk "Kar Kween" eine Zündkerze zur phallischen Körpererweiterung. Das Nummerschild mit Aufdruck "Eat my dust" oder die Fotografie des Porsches, auf dessen Dach ein Geschützturm eines Panzers elegant montiert ist, macht deutlich, was die Künstler umtreibt.

Während die meisten Kunstwerke still hängen oder nur leise Töne von Videoinstallationen in die offene Ausstellungshalle dringen, klappern und schnarren im Untergeschoss Jean Tinguelys raumgreifende Installationen. Der große Liebhaber des "schönsten Kunstwerkes" der Welt hat bereits 1984 als Auftragsarbeit für Renault unter dem Titel "Pit Stop" zwei R40-Rennwagen demontiert. Heute braucht die riesige, mechanisch ungeordnete und rotierende Bewegungsmaschine samt integrierter Filmprojektion selbst alle sieben Minuten einen Boxenstopp - per Fußdruck wird der Strom regelmäßig abgeschaltet.

Ohne Pause in einer Endlosschleife läuft dagegen im Vortragssaal des Museums der großartige Zusammenschnitt berühmter Filmszenen von Virgil Wirdrich. Diese automobile "Love-Story" in Schwarz-Weiß entfaltet eine sogartige Wirkung, so dicht und gut ausgewählt sind die Spannungsmomente der Filmschnipsel.

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