Dienstag, 18. September 2018

Autostudie 102 EX Rolls-Royce mit Ladekabel

Rolls-Royce 102 EX: Highend-Auto unter Strom
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Die Kühlerfigur "Spirit of Ecstasy" ist bläulich beleuchtet, wie vom Blitz durchzuckt - denn es geht in die Zukunft. Das neue Experimentalauto 102 EX, das die Luxus-Automarke Rolls-Royce auf dem Genfer Salon enthüllen wird, fährt rein elektrisch.

Genf - In der Ruhe liegt die Kraft. Das können Rolls-Royce-Fahrer durchweg bestätigen. Egal, ob sie selbst am Steuer sitzen oder auf der feinen Chaiselonge im Fond Platz nehmen - selbst bei Vollgas, wenn sich der Zwölfzylindermotor mit aller Macht ins Zeug legt, kann man fast noch das Ticken der Uhr im Cockpit hören.

Künftig könnten die Modelle Phantom und Ghost sogar noch geisterhafter durch die Stadt gleiten. Denn die luxuriöse BMW-Tochter nimmt die Zukunft ins Visier und rollt auf dem Autosalon in Genf (3. bis 13. März) den Prototypen eines elektrischen Phantom auf den Messestand. Der Stromer im Smoking läuft bei den Briten, das hat Tradition, als "Experimental Car", und trägt deshalb das Kürzel 102 EX. Auf den ersten Blick ist der Hightech-Kaventsmann nur an der neuen Kühlerfigur zu erkennen: Als werde sie gerade von einem Blitz durchzuckt, strahlt die transparente "Spirit of Ecstasy" von innen heraus in einem elektrisierten Blau.

Zur Technik des 102 EX schweigt Rolls-Royce bis zur Messepremiere eisern. Wie viele Motoren an welcher Achse den Phantom voranbringen, welche Art von Akkutechnik eingebaut ist und wo genau die Stromspeicher platziert sind, all das wollen die Briten noch nicht verraten. Nur, dass man wohl mit 200 bis 300 Kilometern Reichweite rechnen könne, lassen sie durchblicken. Und auf die Frage nach der Motorleistung gibt es eine Antwort, die bei Rolls-Royce bereits eine lange Tradition hat: "Ausreichend!"

Aber anders als bei einem kompakten Elektroauto für den Alltag oder einem Batterie-Boliden für die Rennstrecke kommt es auf diese Daten bei einem elektrischen Rolls-Royce womöglich gar nicht an. Die meisten Kunden werden im Phantom ohnehin nur zum Flughafen, in die City oder allenfalls zum Privat-Chateau chauffiert. Kurzstrecken im gehobenen Stadttempo - mehr muss der elektrische Phantom vermutlich gar nicht können. Für längere Strecken nimmt die erlauchte Kundschaft lieber Hubschrauber oder Privatjet. Und wenn sie doch auf eigener Achse fahren wollen, reicht das Geld sicher noch für einen zweiten Phantom mit konventionellem Antrieb.

Ein gläserner Deckel über der Buchse fürs Starkstromkabel

Ein zweiter Aspekt macht gerade dieses Auto prädestiniert für den elektrischen Antrieb: Der Familienbesitz der Rolls-Royce-Besitzer verfügt in aller Regel über ein elektrifiziertes Depot, so dass das Nachfassen von Energie keinerlei Umstände bereitet - zumal es ohnehin in aller Regel vom Chauffeur des Hauses erledigt wird.

Das zumindest waren die Überlegungen des ehemaligen Rolls-Royce-Markenchefs Tom Purves, der das Projekt bereits vor zwei Jahren zur Diskussion gestellt hat. Ob er damit recht hatte, will sein Nachfolger Torsten Müller-Ötvös jetzt mit dem 102 EX ausloten. Deshalb macht er von vorneherein deutlich, dass der Wagen kein Versprechen auf ein absehbares Serienmodell ist, sondern direkt nach der Messe als rollender Akzeptanztest auf Welttournee geht. In Europa, Asien und Amerika sollen möglichst viele Phantom-Kunden Gelegenheit für eine Probefahrt bekommen und den Briten anschließend sagen, was sie von dem Auto halten. "Damit starten wir unsere Arbeit an den alternativen Antrieben", sagt Müller-Ötvös. "Es soll uns Klarheit darüber verschaffen, welche alternative Technologie die richtige ist für die Zukunft von Rolls-Royce."

Waren die sogenannten Experimental Cars zuletzt immer die Vorboten neuer Modelle und bereiteten die vornehme Kundschaft so beispielsweise auf das Phantom Coupé (100 EX) oder den Ghost (200 EX) vor, ist diesmal am Auto selbst nicht viel Neues zu entdecken. Nun ja, der Wagen glänzt in der neuen Lackierung Atlantic Chrome - dank eines neuen Verfahrens wird die Farbe in mehr als doppelt so vielen Schichten aufgetragen und erzeugt daher große Tiefenwirkung - und er verfügt über einen verglasten Deckel über der Ladebuchse. Die von innen beleuchtete Kühlerfigur wurde bereits erwähnt.

Experimente wie der 102 EX haben bei den noblen Briten Tradition. Rolls-Royce-Sprecher Frank Tiemann verweist auf den 30 EX aus dem Jahr 1934. Das war auf den ersten Blick ein ganz konventioneller Phantom II. Doch unter der Haube steckte ein neuer Motor, der wenige Jahre später im Phantom III in Serie ging und bei Rolls-Royce heute nicht mehr wegzudenken ist: der Zwölfzylinder. Wenn das mal für den E-Motor kein gutes Omen ist.

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