Von Tom Grünweg
Detroit - Die Autobranche in den USA hat das Schlimmste überstanden. Der inoffizielle Titel der größten PS-Nation der Welt ist zwar wohl dauerhaft an China verloren, doch nach dem schwersten Einbruch seit dem zweiten Weltkrieg, bei dem der US-Automarkt in den vergangenen zwei Jahren auf zehn Millionen Neuwagen pro Jahr zurückgefallen ist, geht es langsam aufwärts. Schon im Dezember zogen die Verkaufszahlen ein wenig an, und für dieses Jahr rechnen Analysten mit einem Plus von bis zu 15 Prozent.
Dennoch ist die Autowelt in den USA eine andere als vor der Krise. "Nichts ist mehr wie es war", sagt Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer. Das wird auch auf der Autoshow in Detroit deutlich, die noch bis 24. Januar dauert.
Die Zeit der Premierenpartys, bei denen Vorstandsvorsitzende wie Comedians agierten und Chefentwickler auch mal Stuntmen spielen durften, sind vorbei. Doch immerhin haben Messebauer und Beleuchter in der eher alten als ehrwürdigen Cobo-Hall nun wieder gut zu tun. Es gibt Parkettböden statt billiger Auslegeware, von der Decke strahlt das Flutlicht, und für ein paar Drehbühnen sowie freundlich lächelnde Models hat es auch wieder gereicht. Mit frischem Geld und einem radikalen Sparkurs mühsam aufgepäppelt, rappeln sich die US-Hersteller wieder auf.
Chrysler etwa hat im vergangenen Jahr im Mittel 36 Prozent verloren und nur noch 930.000 Autos verkauft; im Dezember allerdings ging das Minus auf 4 Prozent zurück. General Motors (2,1 Millionen US-Verkäufe im Jahr 2009) konnte den Jahresschnitt von minus 30 Prozent im letzten Monat 2009 auf minus 6 Prozent drücken und Ford hat zwar mit 1,7 Millionen verkaufen Autos im letzten Jahr 16 Prozent verloren, konnte aber im Dezember schon wieder 3 Prozent Plus machen.
Sparsamkeit ist angesagt
Wie sieht die neue US-Autowelt aus? Nicht mehr Pick-ups, Geländewagen und Musclecars stehen im Vordergrund, sondern vor allem kompakte und sparsame Autos drehen sich auf den Podien. "Es scheint, als hätten die US-Hersteller die Zeichen der Zeit wirklich verstanden und noch einmal die Kurve bekommen", sagt der in Detroit lebende Redakteur Roger Hart vom amerikanischen Fachblatt "Autoweek". Hart ist optimistisch: "Was ich hier sehe, macht Mut und stimmt mich zuversichtlich: Detroit ist wieder zurück!"
Beeindruckend ist zum Beispiel vom Auftritt von Ford. Der einzige US-Hersteller, der ohne Stütze durch die Krise gekommen ist, setzt vor allem auf das neue Kompaktmodell Focus, und wertet auch die bislang 4000 US-Bestellungen für den Kleinwagen Fiesta als Erfolg. Der neue V8-Motor für den Mustang gerät dagegen ebenso zur Marginalie wie die Premieren bei den luxuriösen Ford-Marken Mercury und Lincoln.
Auch bei General Motors werden jetzt kleinere Brötchen gebacken. Stars des noch immer nahezu Fußballfeld-großen Standes sind nicht der fast 600 PS starke Cadillac CTS-V oder der zum Buick Regal GS mutierte Opel Insignia OPC, sondern der kleine Chevrolet Aveo, der etwa dem Format eines VW Polo entspricht. Dazu passt auch der eng mit dem Opel Astra verwandte Kompaktwagen Chevrolet Cruze; und selbst die Gigantenmarke GMC, sonst für überdimensionierte Pick-ups zuständig, zeigt ein kleines Auto, das Granite heißt. Der Wagen mit den gegenläufig öffnenden Türen ist zwar offiziell noch eine Studie, könnte aber schon nächstes Jahr auf den Markt kommen.
Nach der Krise hat sich auch die Markenlandschaft auf der Messe verändert. Volvo stellt zwar trotz der beschlossenen Verkaufsfreigabe noch immer im Umkreis der einstigen Konzernmutter Ford aus, doch ehemalige GM-Marken wie Hummer oder Saturn sind jetzt Geschichte, und von Saab ist auch nichts mehr zu sehen. Außerdem fehlen in diesem Jahr die Marken Nissan, Infiniti und Mitsubishi, weshalb die ersten chinesischen Hersteller jetzt einen Platz in der Haupthalle ergattern konnten.
Am prägnantesten sichtbar wird die neue Hackordnung auf dem Messestand des Chrysler-Konzerns, an dem bis unmittelbar vor der Eröffnung gezimmert wurde. Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte präsentiert sich dort der neue Eigner Fiat und rückt neben einem Maserati Cabrio und einem Ferrari Rennwagen zwei Fiat 500 ins Rampenlicht - einer davon folgt dem alten Ideal und lockt mit dem Tuningpaket der Marke Abarth, der andere gibt sich ganz zeitgemäß mit Elektroantrieb.
Dass Chrysler die Krise überlebt hat, ist Fiat-Chef Sergio Marchionne offenbar Nachricht genug. Weil er sonst nichts zu sagen hat, verzichtet er als einziger der neuen Bosse auf eine Pressekonferenz mit den üblichen Schönwetterreden und schlurft stattdessen - wie immer betont lässig im Strickpulli - über den Stand. Was sollte er auch zeigen? Sieht man von ein paar Sondermodellen bei Jeep und Dodge und einem dezent gelifteten Dodge Nitro ab, stehen dort nur alte Bekannte. Und der eiligst zum Chrysler umgebastelte Lancia Delta wirkt so uninspiriert, dass er nicht einmal einen neuen Namen bekommen hat.
Lokalpatriot Hart ist davon zwar enttäuscht, aber nicht wirklich überrascht. "Hey Leute", sagt er beschwichtigend, "Marchionnes Pläne zur Restrukturierung sind gerade einmal acht Wochen alt. Was kann man in dieser kurzen Zeit schon erwarten." Es wird wohl noch dauern, bis die einst glorreichen Drei aus Motown wieder überzeugen werden.
Detroit Auto Show: Neustart ohne Neuheiten
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