Freitag, 31. März 2017

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Zwei Zeitforscher erklären den Takt unseres Lebens Ticken wir eigentlich noch ganz richtig?

Neue Luxusuhren: Die Freude an eigenen Werken
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Harry Winston

Frage: Herr Geißler, Sie tragen keine Uhr, stimmt das?

Karlheinz Geißler: Ja, das stimmt. Ich habe auch früher keine Uhr getragen. Uhren muss man ertragen, nicht tragen.

Frage: Trotzdem haben wir uns für dieses Interview zu einer bestimmten Zeit verabredet. Wie machen Sie das?

Karlheinz Geißler: Das fragen viele. Aber das fragen sie, weil sie die Zeit mit der Uhr verwechseln. Aber ich bin ein sehr präziser Mensch, was den Umgang mit Zeit betrifft. Ich muss nur dazu keine Uhr tragen. Ich richte mich nach der Zeit, aber nicht nach der Uhr. Zudem hat sich die UHRzeit überholt, sie hat sich sozusagen selbst erfolgreich überlebt.

Frage: Dennoch schreiben Sie in Ihrem Buch "Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine", dass die Uhr als Erfindung den Menschen sehr viel mobiler und wohlhabender gemacht hat …

Karlheinz Geißler: Die Uhr hat es überhaupt ermöglicht, dass Zeit in Geld verrechnet werden konnte, weil sie die Zeit abstrahiert. Sie transformiert Raum in Zeit und entqualifiziert damit die Zeit. Sie löst sie von Natur- oder Körpersignalen und macht sie zu leerer Zeit. Diese Leere kann mit einer neuen Wertigkeit besetzt werden, und das ist Geld. Deshalb lässt es die Uhr zu, die (Uhr-)Zeit in Geld zu verrechnen. Das ist quasi das Startsignal für den Kapitalismus, der die Uhr zur Voraussetzung hat. Die Uhr entrhythmisiert die Zeit und vertaktet sie.

Zu den Personen
Timesandmore
Karlheinz A. Geißler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Autor zahlreicher Bücher über die Zeit. Zuletzt: "Time is honey", Jonas und Karlheinz Geißler, oekom, 2015.
Timesandmore
Zusammen mit seinem Sohn Jonas Geißler und Frank Orthey betreibt er das Zeitberatungs-Institut "timesandmore".

Vertaktete Zeit lässt sich beschleunigen. Und genau das ist geschehen - bis hin zur Lichtgeschwindigkeit, die nicht mehr schneller gemacht werden kann. Deshalb wird heute nicht mehr über Schnelligkeit, sondern über Zeitverdichtung beschleunigt. Damit einher geht ein Wechsel von der Starrheit zur Flexibilität. Der Takt der Uhr und die Uhr als Ordnungsprinzip verlieren an Einfluss. Das Mobiltelefon übernimmt die Funktion der Zeitkoordination.

Frage: Wenn es darum geht, Zeit konstruktiv und produktiv zu nutzen, glauben Sie, dass es eine Art der "inneren Zeit" gibt, nach der wir uns richten müssen?

Karlheinz Geißler: In jenem Moment, in dem wir die Uhr ablegen, haben wir wieder die Möglichkeit, die eigenen Zeitimpulse, und das heißt uns selbst, wahrzunehmen. Denn Zeit ist ja nichts anderes als Leben, das heißt, man ist selbst die Zeit. Die menschliche Zeitnatur ist rhythmisch organisiert, und diesen Rhythmus müssen wir wieder lernen, da wir ihn allzu oft dem Takt geopfert haben.

Hohe Luft
Ausgabe 2/2017

Philosophie und Wirtschaft

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Jonas Geißler: Es geht darum, die Zeitsignale nicht auf der Uhr zu suchen, sondern in sich selbst. Der eigene Rhythmus und der soziale Rhythmus der Umwelt sollte bei der eigenen Zeitorganisation mitbeachtet werden. Diese Kompetenzen kann man tatsächlich trainieren. Hierzu gehört neben einem bewussteren Umgang mit der Zeit auch die Zeitvielfalt. Zeitvielfalt heißt, dass verschiedene Zeitformen gelebt werden - nicht immer schnelle und aktive Zeiten, sondern auch langsame.

Langsamkeit hat eine hohe Qualität und kann auch im Sinne der Produktivität interessant sein: Pausen, Anfänge, Abschlüsse, Reflexionszeiten, ja auch die Langeweile, all das sind hoch produktive Zeitformen, deren Qualität darin liegt, dass sie nicht beliebig beschleunigt werden können. Die großen Innovationen und Ideen fallen einem nicht unbedingt zwischen 15 Telefonaten ein, sondern unter der Dusche, beim Spaziergang mit dem Hund, beim Joggen, kurz vorm Einschlafen im Bett, auf der Toilette. Man muss sich also von dem Mantra verabschieden, dass Zeitknappheit Funktionalität und automatisch Erfolg bedeutet. Die wesentlichen Dinge des Lebens - und auch des Erwerbslebens - lassen sich übrigens gar nicht beliebig beschleunigen: Vertrauen, tragfähige Beziehungen, Liebe, Genuss, Innovationsgeist, Lernen etc.

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