Freitag, 16. November 2018

Zwei Zeitforscher erklären den Takt unseres Lebens Ticken wir eigentlich noch ganz richtig?

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3. Teil: "Was hat man vom Leben im Jetzt, wenn man es gedanklich dauernd mit der eigenen Endlichkeit füllt?"

Frage: Glauben Sie, derartige Erkenntnisse erfordern auch eine gewisse Reife, diesen Paradigmenwechsel konsequent zu beschließen?

Jonas Geißler: Ich kenne junge Leute, die diesbezüglich sehr klar sind; und ich kenne alte Leute, die diesbezüglich sehr unklar sind. Tatsächlich sind es aber schon Fragen von Erwachsenen. Kinder haben eine andere Sicht auf Zeit, zu der viele Erwachsene wieder hinwollen, nämlich eine sehr konkrete - Kinder haben die Fähigkeit, Jetzt-Erfahrungen sehr unmittelbar zu leben.

Karlheinz Geißler: Kinder leben nicht im Bewusstsein ihrer Endlichkeit. Über Endlichkeit und über Zeit kann man nur abstrakt reden. Und zur Abstraktionsfähigkeit braucht es eine geistige Entwicklungsstufe. Fähig zur Abstraktion sind Kinder erst mit etwa sechs bis sieben Jahren. Deswegen können sie ja auch erst mit sechs Jahren die Uhr lesen und werden deshalb mit sechs Jahren eingeschult.

Frage: Meinen Sie mit Abstraktion die Metaebene, die es womöglich zu umgehen gilt bzw. die auszublenden ist?

Jonas Geißler: Was hat man vom Leben im Jetzt, wenn man es gedanklich dauernd mit der eigenen Endlichkeit füllt? Was fördert das? Was hindert das? Ich denke, es behindert eben jene puren Jetzt-Erfahrungen, die reine Sinneswahrnehmung. Gleichzeitig erlebe ich, dass im bewussten Spiegel der eigenen Endlichkeit einem auch viele Gedanken, Entscheidungen, Klärungen kommen, die das Leben positiv beeinflussen. An dieser Stelle aktualisiert sich die alte Frage nach dem rechten Maß.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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