Dienstag, 18. September 2018

Soft Skills für den Beruf Wer warten kann, bleibt Herr der Lage

Warten nervt. Und doch scheint es heute wichtiger denn je, sich darin zu üben, um noch Herr der Lage zu sein.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Zwei Stunden noch, dann geht es endlich los. Missmutig blättere ich in einer Zeitschrift, lege sie wieder weg, hole das Handy heraus, habe aber keinen Empfang - typisch Flughafen. Mein Blick schweift über die Sitzreihen, über gähnende Menschen, die auf den Kunstledersitzen herumrutschen oder in verrenkten Posen zu schlafen versuchen. Immer wieder schaue ich auf die Anzeigetafel an der Wand. Nichts. Die Minutenanzeige der Uhr bewegt sich unerträglich langsam. Mein Flug sollte schon vor anderthalb Stunden gehen, stattdessen sitze ich hier fest und warte. Und warte. Und frage mich: Was tue ich hier eigentlich?

Wer wartet, sieht einem bevorstehenden Ereignis entgegen, dessen Eintreffen er meist nicht selbst bestimmen kann. Der Wartende befindet sich in einem Modus der Untätigkeit. Diesem kann er zwar durch Ablenkung entgehen, doch dann wartet er streng genommen nicht mehr, sondern liest, spielt oder schreibt. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung ist das Warten das größte Alltagsärgernis der Deutschen. An der Kasse, beim Arzt, auf die U-Bahn, in der Telefonschleife - warten nervt und ist doch unvermeidlich und allgegenwärtig. Trotz Smartphone - und damit dem Ablenkungsangebot in der Tasche - regt es uns offenbar auf; es gibt uns das Gefühl, Zeit zu verlieren.

Nichts bestimmt unser Leben in der Moderne so sehr wie der ständige Blick auf die Uhr. Seit wir in einer industrialisierten Ökonomie leben, gibt sie den Takt unseres Lebens vor. Sie sagt uns, wann wir arbeiten, essen, schlafen sollen. Warten reißt uns aus diesem Takt heraus, es ist wirtschaftlich gesehen ein Störfaktor. Wer wartet, leistet schließlich nichts. Wartezeiten zu vermeiden und einen geschmeidigen Ablauf zu garantieren sind darum wichtige Maßnahmen der ökonomischen Effizienzsteigerung. Warten wir also deshalb so ungern, weil wir das ökonomische Optimierungskalkül bereits so verinnerlicht haben, dass wir es auf uns und unsere Lebenszeit anwenden? Leben wir nach dem Prinzip "Time is money"?

Das Schlimme am Warten - so empfinde ich es zumindest - ist das Gefühl der Fremdbestimmung. Wenn ich am Flughafen festsitze, kann ich mir die Zeit zwar in einem gewissen Rahmen gestalten, bin aber auf die Gegebenheiten vor Ort angewiesen. Ich befinde mich in einem seltsamen Zwischenzustand, der ganz auf die Erlösung vom Warten ausgerichtet ist. In der Wartezeit fällt einem so vieles ein, was man gerade lieber täte - egal ob man diese Zeit tatsächlich anders oder sinnvoller genutzt hätte. Weil man sich über das Warten ärgert, wird die Wartezeit noch unangenehmer. Das Gefühl der vergeudeten Zeit birgt daher das Risiko, den Ärger bis zur existenziellen Verzweiflung zu potenzieren: Ich habe doch nur die wenige Zeit auf Erden, und die muss ich nun mit Warten verplempern!

"Während des Wartens", schreibt der Philosoph und Autor Rodion Ebbighausen, "kann das Ich mit seiner Zeit nichts anfangen, nichts daraus machen, weil es fixiert ist auf etwas, was nicht anwesend ist." Wartezeit erscheint einem nicht wie Lebenszeit, sondern wie ein Hindernis, das einen vom Leben abhält und das es zu überwinden gilt. Man fühlt sich ausgebremst. Dieses Gefühl ist offenbar an die Vorstellung geknüpft, seine Zeit sinnvoll - man könnte auch sagen: effizient - nutzen zu wollen.

Worauf warten wir eigentlich?
  • Estragon: Komm, wir gehen!
    Wladimir: Wir können nicht.
    Estragon: Warum nicht?
    Wladimir: Wir warten auf Godot.
    Estragon: Ah!
In dem Theaterstück "Warten auf Godot" von Samuel Beckett (1906¿1989) wirkt das Warten der beiden Hauptpersonen an einer öden Landstraße, das sich durch das ganze Stück zieht, deshalb vollkommen sinnlos, weil sie gar nicht zu wissen scheinen, worauf sie warten. Sie wissen weder, wer Godot ist, noch, ob er jemals kommen oder was dann geschehen wird.

Als Teil des "Absurden Theaters" wird Becketts Stück als Parabel auf die Sinnlosigkeit des Lebens und den Wunsch, von dieser erlöst zu werden, interpretiert. Spüren wir im Warten also die eigene Endlichkeit und werden uns unmittelbar gewahr, nicht Herr über unsere Lebenszeit, sondern überall der Fremdbestimmung ausgesetzt zu sein?

Die Wartezeit kommt uns deshalb so lang vor, weil nichts passiert und wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, meint der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann. Dieses Phänomen kennen wir vom Zeitempfinden in verschiedenen Lebensabschnitten: Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. In der Kindheit erleben wir noch täglich viel Neues, was die Zeit im Nachhinein als voll und lang erscheinen lässt - im zunehmenden Alter ist vieles Routine, meint der Psychologe, deshalb scheint die Zeit zu rasen.

Paradoxerweise kommt uns Wartezeit zwar in der Gegenwart schier unendlich vor, rückblickend aber kurz, da ja nichts Aufregendes geschehen ist, an das wir uns erinnern würden. Es spricht vieles dafür, sich im Warten zu üben. Mit seinem berühmt gewordenen Marshmallow-Test aus den 1960er- und 70er-Jahren konnte der Psychologe Walter Mischel beispielsweise zeigen, dass die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub mit Eigenschaften und Zielen korreliert, die in unserer Gesellschaft als wünschenswert gelten. Er gab vierjährigen Kindern einen Marshmallow und verließ den Raum mit dem Versprechen, eine weitere Süßigkeit mitzubringen, wenn das jeweilige Kind den Marshmallow bis zu seiner Rückkehr nicht aufessen würde - es dürfe aber natürlich auch auf die Wartezeit verzichten und direkt zuschlagen. In der anschließenden Beobachtung über mehrere Jahre erwiesen sich die geduldigen Abwarter als beruflich erfolgreicher, emotional stabiler und sozial kompetenter als die Ungeduldigen, die nicht abwarten konnten und der Versuchung nachgaben.

Wer warten kann, so legen diese Ergebnisse nahe, verfügt über Impulskontrolle und etwas, das der Psychologe Wittmann "zeitliche Weitsichtigkeit" nennt: Man nimmt in der Gegenwart Anstrengungen in Kauf, um später davon zu profitieren. In unserer Gesellschaft gilt diese Kompetenz, die sich auch im protestantischen Arbeitsethos widerspiegelt, als sicherer Weg zu Anerkennung und Erfolg. Die Fähigkeit, warten zu können, lässt sich also auch selbst daraufhin befragen, welchen ökonomischen Vorteil sie einem bringt.

Sie ist aber auch deshalb notwendig, weil wir damit die Bedürfnisse der anderen anerkennen. Wir müssen ja häufig deswegen warten, weil die Zeit unserer Mitmenschen ebenso wertvoll ist wie die eigene. Mein Gemeinschaftssinn sagt mir also klar, dass ich mich brav hinten anstellen muss und mich nicht vordrängeln darf. Alle Menschen sind gleich und müssen darum auch gleich lange warten.

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