Sonntag, 24. März 2019

Soft Skills für den Beruf Wer warten kann, bleibt Herr der Lage

2. Teil: Wer warten muss und wer nicht, ist eine Machtfrage

Wer sich diesem Prinzip nicht beugen will, kann sich in manchen Fällen vom Warten freikaufen, indem man zum Beispiel im Flugzeug ein Ticket für die Business-Class bucht, mit dem man vor allen anderen einsteigen darf. Privat Krankenversicherte müssen kürzer warten als Kassenpatienten, wer den Clubbetreiber kennt, also soziales Prestige besitzt, darf durch den VIP-Eingang. In China oder den USA ist das professionelle Schlangestehen inzwischen ein lukrativer Nebenjob. Gemeinsam haben solche Umgehungstaktiken, dass sie nur dann funktionieren, wenn die Mehrheit weiterhin wartet. Wer warten muss und wer nicht und auf wen gewartet wird, hat also mit Machtverhältnissen zu tun. Früher konnten Könige ihre Untertanen warten lassen, heute können sich dies ebenfalls jene erlauben, die am längeren Hebel sitzen. Etwa Chefs, Rockstars, Politiker - oder eben Fluggesellschaften.

Die Wirtschaft hat ein Interesse daran, möglichst unterbrechungsfrei zu arbeiten, um ihren Umsatz zu steigern. Stillstand kostet Geld. Doch wo das Warten unvermeidlich ist, kann der Wartende als potenzieller Konsument angesprochen werden - indem im Wartebereich Werbung platziert oder etwas verkauft wird. Bahnhöfe und Flughäfen sind heute oft Shopping-Meilen, in denen man sich die Wartezeit vertreiben kann. Auch wenn wir uns über die horrenden Preise an solchen Orten beschweren, nehmen wir sie oft zähneknirschend hin - da es uns lieber ist, einen überteuerten Latte macchiato zu trinken, als gar nichts zu tun. So wird auch unsere scheinbar sinnlose Wartezeit wirtschaftlich voll ausgenutzt.

Es kommt auch darauf an, wann etwas geschieht

Wie man die Wartezeit empfindet, hängt davon ab, worauf man wartet. Wenn wir etwas Gutes erwarten, malen wir uns die Situation im Geiste aus, sind wir wie elektrisiert und hibbelig. Warten kann sich wie freudiges Ersehnen anfühlen, wenn man einen geliebten Menschen erwartet, den ersten Ton eines Konzerts oder die Geburt eines Kindes. Die Zeit, die uns von dem Erwarteten trennt, kommt uns zwar lästig vor, doch färbt das Bevorstehende auch die Gegenwart ein. Die Ereignisse "werfen ihre Schatten voraus", sagt man.

Der britische Philosoph Derek Parfit (1942-2017) attestiert dem Menschen darum einen zeitlichen "Bias" in Richtung Zukunft: Was bevorsteht, affiziert uns anders als die Vergangenheit, weil wir es noch durchleben müssen, während das Vergangene bereits hinter uns liegt. Wir schmieden unter anderem auch deshalb Zukunftspläne, um uns auf etwas freuen zu können, was erst noch kommen wird.

Als Wesen mit Zeitbewusstsein stehen wir der Zeit eben nicht neutral gegenüber, sondern es macht für uns einen Unterschied, wann etwas geschieht. Den Gedanken an den eigenen Tod können wir vermutlich nur darum ertragen, weil wir ihn in weiter Ferne wähnen oder zumindest nicht wissen, wann er eintritt. Andernfalls reicht uns das Versprechen nicht, irgendwann bekäme man die Gehaltserhöhung, sondern wir möchten auch wissen, wann. Nichts ist so zermürbend wie zu warten, ohne zu wissen, wie lange noch.

Lektüre
Gefühlte Zeit
Marc Wittmann
Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens
C. H. Beck, 2016

Der Psychologe setzt sich leicht verständlich mit dem subjektiven Zeitempfinden auseinander und ergänzt dies mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung.

Bei Amazon kaufen
Das Warten
Rodion Ebbighausen
Das Warten. Ein phänomenologisches Essay
Königshausen & Neumann, 2010

Der Journalist betrachtet das Warten als eine existenzielle Erfahrung und macht drei Grundtypen des Wartens aus.

Bei Amazon kaufen
Warten
Friederike Gräff
Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands
Ch. Links, 2014

Selbstgewähltes Warten sollte wieder einen Platz in unserem Leben bekommen, meint die Journalistin – und trifft dafür Menschen mit verschiedensten Warte-Geschichten.

Bei Amazon kaufen

Vielleicht liegt das an der Ungewissheit alles Zukünftigen und der Angst, man könnte enttäuscht werden. Was man hat, das hat man eben. Was noch nicht da ist, kann uns noch vorenthalten werden. Abwarten zu können hat insofern auch etwas mit Vertrauen zu tun, mit der Fähigkeit, den Dingen ihren Lauf zu lassen und nicht alles kontrollieren zu wollen. Oft lösen sich Probleme oder Ärger einfach dadurch auf, dass Zeit vergeht.

Dieses besonnene Abwarten ist genau das, was die Wirtschaft uns gern gänzlich abgewöhnen würde. Wer nachts um drei den Impuls hat, sich eine neue Waschmaschine kaufen zu müssen, kann dies dank des Internets sofort tun und muss nicht bis zum nächsten Werktag warten. Der nächste Schritt könnte der proaktive Kundenservice sein, der einem die Produkte schon liefert, bevor man wusste, dass man sie haben wollte - natürlich mit Rücksendeoption. Wenn wir weiterhin selbst entscheiden wollen, welchem Impuls wir nachgeben wollen, sollten wir uns im Warten üben.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung