Mittwoch, 19. September 2018

Währungsturbulenzen Argentinien - Ground Zero der Schwellenland-Krise

Buenos Aires: Juan Peron und seine Frau Eva Peron werden noch immer verehrt - obwohl ihre populistische Politik das Land an den Rand des Ruins brachte

Argentinien ist der Ausgangspunkt der derzeitigen Verwerfungen in den Schwellenländern. Das Land zeigt, welche langfristigen Schäden Populisten anrichten können.

Es ist kaum zu glauben, aber vor gar nicht so langer Zeit war Argentinien eines der reichsten Länder der Erde. Millionen Europäer wanderten in das südamerikanische Land ein, das Bodenschätze, mildes Klima und fruchtbare Böden versprach. Noch in 50er Jahren lagen die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen deutlich höher als in Deutschland, Italien oder Japan.

Die goldenen Zeiten scheinen unendlich lang zurückzuliegen. Heute lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Aktuell steckt das Land in einer Wirtschaftskrise. Die Währung ist im freien Fall. Die Inflation liegt bei 30 Prozent, die Leitzinsen bei 60 Prozent. Der Staat schlittert Richtung Pleite. Wieder mal springt der Internationale Währungsfonds (IWF) ein.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Argentinien ist Ground Zero des Sturms, der derzeit über den Schwellenländern heraufzieht. Die Türkei, der andere Hotspot, ist nach enormen Fortschritten erst in den vergangenen Jahren auf die schiefe Bahn geraten. Argentinien hingegen zeigt, welche langfristigen Schäden nationalpopulistische Politik anrichten kann.

Don't cry for me…!

Der Niedergang begann mit Juan Perón, der 1946 mit einer populistischen Agenda an die Macht kam und das Land zunächst neun Jahre lang regierte, später in den 70er Jahren noch einmal ins Präsidentenamt zurückkehrte. Perón war ein Vorläufer heutiger Populisten. Er betonte die Größe der Nation, das Wir des einfachen Volkes, das sich mit ihm als Führer gegen die Eliten - und alle übrigen vermeintlichen Gegner - stellte. Politik inszenierte er als Staatsschauspiel, wobei seine Frau Eva ("Evita", bekannt aus dem gleichnamigen Musical) eine tragende Nebenrolle spielte.

In der Wirtschaftspolitik schlugen Perón und seine Nachfolger eine Art Argentina-first-Kurs ein. Der Staat schützte die schwache einheimische Industrie mit Zollschranken, versprach hohe Löhne und Sozialleistungen. Soviel wie möglich sollte im Inland produziert werden, die Strategie der "Importsubstitution" inspirierte später auch andere Entwicklungsländer, erwies sich aber als teurer Irrweg.

Argentina first: Wie Perón die Wirtschaft des Landes ruinierte

Typisch für populistische Wirtschaftspolitik, ignorierte der Peronismus die Beschränkungen, denen Geld- und Finanzpolitik unterliegen: Wer zu viel Geld ausgibt, muss immer mehr Schulden machen; wer zu viel Geld drucken lässt, erntet irgendwann Inflation.

Die langfristigen Folgen dieser Politik waren desaströs: In den vergangenen Jahrzehnten hat Argentinien Hyperinflationen, Währungskrisen und Staatsbankrotte durchlitten. Entsprechend schwach ist das Vertrauen in die Institutionen. Mehr noch: Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert, Argentinien durchgreifend zu reformieren. Das einst stabile Land steckt seit Jahrzehnten in einer Dauerkrise.

Wenn es mal eine Zeitlang gut läuft, dann eher trotz als wegen der Politik. Als seit den Nullerjahren zunächst der Peronist Nestor Kirchner und später seine Witwe Christina die Regierungsgeschäfte führten, schien ihre Wirtschaftspolitik erfolgreich zu sein. Nachdem sie 2001 den Schuldendienst eingestellt, das IWF-Programm aufgekündigt und die feste Bindung an den US-Dollar gelöst hatten, sprang die Wirtschaft nach kurzem Schock zunächst wieder an.

Zeitweise war die Entwicklung so positiv, dass mancher deutsche Ökonom Argentinien als Vorbild für den Euro-Staat Griechenland empfahl: Ausstieg aus der Währungsbindung, Staatspleite, Rückgewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Doch tatsächlich profitierte das Land, einer der größten Getreideexporteure der Welt, vor allem von den hohen Rohstoffpreisen in den Nullerjahren. Ein exportgetriebener Boom, für den Argentinien nichts konnte - und der entsprechend nicht nachhaltig war.

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