Samstag, 17. November 2018

Prozess wegen Untreue und unerlaubten Waffenbesitz Volksbank-Chef und Waffennarr veruntreute Millionen

Die Volksbank Langendernbach im Landkreis Limburg-Weilburg (Hessen) hatte einen ganz besonderen Chef
picture alliance / Marijan Murat
Die Volksbank Langendernbach im Landkreis Limburg-Weilburg (Hessen) hatte einen ganz besonderen Chef

"Ich habe eine Bank in der Bank geführt" - Hans-Martin G. ist geständig. Der Chef einer Volksbank hatte sich am Aktienmarkt verzockt und enorme Schulden angehäuft. Wie da raus? Er sammelte Millionen von Kunden ein, versprach attraktive Zinsen, nutzte das Geld aber für eigene Spekulationen am Immobilienmarkt. Noch eine Leidenschaft hatte der Banker: In seinem Keller hoben die Ermittler ein großes Waffendepot samt Munition aus.

Kindergarten, Dorf- und Sportplatz, Freiwillige Feuerwehr, Heimatverein, Seniorenhäuser, Frauensingkreis - das 924-Seelen-Dorf Lützeln im Kreis Siegen-Wittgenstein in Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich ganz normal. Zum festen Bestandteil der Dorfkultur zählen die frühjährliche Aktion "saubere Landschaft", das Osterfeuer, das Maibaumsetzen. Unscheinbar und ein wenig bieder wirkt Lützeln auf Bildern.

Hans-Martin G. scheint dieses Umfeld zu gefallen. Als unauffällig beschreibt ihn auch die lokale Presse: Weder Haus noch Auto weisen auf einen aufwändigen Lebensstil hin. "Teure Partys, Reisen und Hobbys? Fehlanzeige", schreibt die Nassauische Neue Presse. Der ehemalige Vorstand der Volksbank Langendernbach gilt als engagierter Christ. Viele Jahre war er Gemeindeältester der Freien evangelischen Gemeinde in Lützeln - und sehr beliebt.

"Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt", lautet der Leitspruch seines ehemaligen Arbeitgebers. Doch was trieb Hans-Martin G. an? Was veranlasste den Chef der Volksbank Langendernbach, fast zehn Jahre lang seine Kunden zu prellen, das ihm und der Volksbank anvertraute Geld nicht wie versprochen anzulegen, sondern in eigene Immobilienprojekte zu investieren?

Landgericht Limburg

Mehr als acht Millionen Euro soll der heute 63-Jährige allein zwischen 2009 und 2014 unterschlagen haben. Vor allem in Ostdeutschland habe er Immobilien gekauft, das Geld der Kunden dabei als Eigenkapitalanteil für rund 610 kreditfinanzierte Wohnungen und Gewerberäume in insgesamt 108 Objekten verwendet, sagt Henrik Gemmer, Vorsitzender Richter am Landgericht im Gespräch mit manager-magazin.de. Geschätzter Wert der Wohnungen: etwa 17 Millionen Euro, andere Quellen berichten von 20 Millionen Euro.

"Das war nur möglich, weil ich einen großen Vertrauensvorschuss bei meinen Kollegen und Kunden hatte - und diesen ausgeschöpft habe", sagt G. am Mittwoch zum Prozessauftakt. Er bereue seine Taten zutiefst. Der Mann ist geständig. Und auf freiem Fuß, sagt Richter Gemmer. Flucht- oder Verdunklungsgefahr besteht offenbar nicht.

Die Anklage wirft dem ehemaligen Bankvorstand gewerbsmäßige Untreue in 176 Fällen vor. Dass dabei auch Betrug, Unterschlagung und Urkundenfälschung eine Rolle gespielt haben, gilt als sicher. In der Anklage blieb "nur" Untreue übrig. Weil schon in jedem einzelnen der Fälle fünf und mehr Jahre Gefängnis drohen, "kam es darauf auch nicht mehr an", sagt Henrik Gemmer angesichts der abgespeckten Anklage.

Motiv der groß angelegten Prellerei sollen Schulden gewesen sein. In den 1990er Jahre habe G. in großem Stil mit Aktien spekuliert und beim Zusammenbruch des Neuen Marktes viel Geld verloren. Mehr als eine Million Euro private Schulden hätten sich so aufgetürmt.

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