Samstag, 18. November 2017

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Feierabend! Mythen der Arbeitswelt Warum "Dienst nach Vorschrift" fantastisch ist

Wischen, putzen, scheuern - nicht alles muss kreativ erledigt werden. Wer "Dienst nach Vorschrift" macht, wird diskriminiert - das ist unerträglich
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Wischen, putzen, scheuern - nicht alles muss kreativ erledigt werden. Wer "Dienst nach Vorschrift" macht, wird diskriminiert - das ist unerträglich

Kennen Sie die fabelhaften Krankenhausreiniger? Motivationsgurus erzählen von ihnen, wenn sie uns Vorbilder präsentieren wollen, die nicht einfach nur ihren Job machen, sondern einer Berufung nachgehen.

Ein Forscherteam in den USA hat Menschen interviewt, die in einem Krankenhaus putzen. Das Ergebnis: Manche machen einfach ihren Job. Sie putzen. Andere haben ihre Aufgabenbeschreibung eigenmächtig geändert: Sie kümmern sich um Patienten, tanzen für sie, bringen sie zum Lachen, nehmen ihnen Angst vor Untersuchungen, hängen ihnen Bilder an die Wände. Sie plaudern mit Besuchern und führen sie durchs Haus.

Die Menschen in der zweiten Gruppe gehen ihrer Tätigkeit - wie könnte es anders sein? - mit Leidenschaft und Engagement nach. So leicht ist es, sagen die Motivationsgurus, eine monotone Beschäftigung in einen erfüllenden Lebensinhalt zu verwandeln, mit seiner Arbeit den berühmten Unterschied zu machen. Amy Wrzesniewski, eine der beteiligten Forscherinnen, nennt das "job crafting": Ich erledige nicht einfach die Aufgabe, die mir zugedacht ist, sondern bastle mir meine eigene. Die Botschaft: Wenn das eine Reinigungskraft mit ihrem starren Tätigkeitsprofil kann, kann es jeder.

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Reinigungskraft um Kranke kümmert. Das ist zauberhaft - solange die Reinigungskraft ihre eigentliche Arbeit, das Reinigen, nicht vernachlässigt. Interessanterweise ist dieser Frage niemand näher nachgegangen.

Wir wissen nicht, wie gut die "tollen" Krankenhausreiniger im Vergleich zu den "normalen" ihre eigentliche Arbeit, das Reinigen, erledigen. Trotzdem sind sie die Stars.

Die einen machen die Routine, die anderen den Unterschied

Das ist das Problem daran, wie diese Geschichte erzählt wird: Die, die ihren Job machen, sind die Deppen. Sie machen die Routine, die anderen den Unterschied.

Dabei ist es in Wahrheit umgekehrt. Das Krankenhaus käme ohne die paar Reinigungskräfte zurecht, die nebenbei tanzen; womöglich wäre die Stimmung weniger ausgelassen. Ohne die vielen aber, die "nur" ihre Arbeit machen und putzen, könnte es keine drei Tage bestehen. Hygiene ist für ein Krankenhaus und seine Patienten überlebenswichtig. Wer sie am Leben und den Laden am Laufen hält, sind nicht die tanzenden Reinigungskräfte, sondern die reinigenden Reinigungskräfte. Es ist die Masse der normalen Leute, die ihre normale Arbeit normal erledigen.

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Diese Menschen machen jeden Tag den Unterschied zwischen Allem und Nichts. Doch sie verschwinden in einer statistischen Gruppe, die als besorgniserregend gilt. In ihr befindet sich nach regelmäßigen Studien die überwältigende Mehrheit, etwa 70 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Sie machen - Achtung, hier kommt der böse Ausdruck - Dienst nach Vorschrift. Vor diesem Stempel darf nie ein "nur" fehlen.

Jede Organisation wäre verloren ohne die Menschen, die sie geringschätzt

Ich finde es unerträglich, wie unsere Gesellschaft mit den Menschen umgeht, die jeden Tag einfach ihre Arbeit machen. Wenn überhaupt, werden sie als Negativbeispiel erwähnt. Dabei sind sie es, die der Wirtschaft den Lebensatem einhauchen. Visionen in die Welt posaunen, Theaternebel versprühen, Powerpoint-Wirbel veranstalten, Breakthrough-Targets ausrufen und Leuchtturmprojekte in Kick-off-Meetings starten - das klingt prima. Aber jede Organisation funktioniert nur, wenn und weil so viele all das nicht tun, sondern einfach ihre Arbeit machen. Jede Organisation wäre verloren ohne die Menschen, die sie geringschätzt.

Oft heißt es, wer Dienst nach Vorschrift macht, sei weniger engagiert. Das mag sein. Doch woran wollen wir die Qualität von Arbeit messen? Daran, wie engagiert sie erledigt wird, oder daran, wie gut sie erledigt wird? Es gibt Mitmenschen, die mit größtem Engagement sehr wenig zustande bringen. Jeder kennt welche. Andere meistern ihre Aufgaben ausgezeichnet, ohne sich abzurackern. Das nennt man Können und Effizienz.

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