Mittwoch, 14. November 2018

Football Leaks als Chance für die Bundesliga Was an der Super League wirklich super ist

Bayern-Bosse Rummenigge, Hoeneß: Schwächelnde Topklubs würden am stärksten von einer Super League mit garantiertem Startplatz profitieren

Eine neue Liga nur für Spitzenklubs würde ungeheuren Schaden anrichten. Die Einrichtung einer Super League ist Unsinn - die Diskussion darüber jedoch nicht.

Seit der SPIEGEL die Pläne der großen europäischen Fußballvereine zur Gründung einer Super League enthüllt hat, ist die Aufregung im deutschen Profifußball groß. Wie konkret sind die Pläne tatsächlich? Wäre das das Aus für die Champions League? Und was wären die Folgen für die nationalen Ligen?

Henning Zülch
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    Michael Bader
    Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der HHL Leipzig Graduate School of Management. Er ist Verfasser von zahlreichen Beiträgen zu Themen der Internationalen Rechnungslegung und Finanzkommunikation. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des jährlich vom manager magazin ausgerichteten Wettbewerbs Investors¿ Darling. Überdies beschäftigt er sich mit der Übertragbarkeit betriebswirtschaftlicher Grundprinzipien auf die erfolgreiche Führung von Sportvereinen.

Besonders aus deutscher Sicht kommt diese Diskussion zur Unzeit. Die deutsche Nationalmannschaft spielt gerade so schlecht wie lange nicht, die Bundesliga fällt spielerisch im Vergleich zur europäischen Konkurrenz zurück, und wenn die Bayern mal brillieren wie in der vergangenen Saison, zeichnet sich die Meisterschaft durch Langeweile aus. Die Spannung ist raus aus dem deutschen Fußball, dabei wäre sie so wichtig, um das nötige wirtschaftliche Wachstum insbesondere im Bereich der Fernsehgelder zu generieren.

Genau das soll nach dem Willen der großen Vereine ab 2021 die neue Superliga sicherstellen: Spannung und Einnahmensteigerungen - zumindest für die involvierten Klubs, allen voran der FC Bayern München. Aber ist dies alles wirklich zielführend oder nur der Versuch, den europäischen Fußballverband UEFA ins Abseits zu manövrieren, um sich selbst mehr Möglichkeiten zur Selbstvermarktung zu eröffnen?

Schwächelnde Top-Klubs als Antreiber

Es ist schon interessant, dass die Diskussionsführer beim Thema Super League ausgerechnet die Vereine sind, die derzeit in ihren jeweiligen Ligen hinter den sportlichen Erwartungen zurück bleiben: Real Madrid, Manchester United, der AC Mailand und auch der FC Bayern sind gerade weit von ihrer Topform entfernt. Real Madrid steht nach elf Spieltagen in La Liga auf Platz 6 - sogar die Champions-League-Qualifikation ist in Gefahr. Zudem verließ mit Christiano Ronaldo einer der wichtigsten Werbeträger den Verein. Allein die Umsätze aus seinen Trikotverkäufen waren so hoch wie der Jahresetat eines deutschen Zweitligisten.

Unter diesen Umständen erscheint es geradezu logisch, den Druck auf die UEFA zu erhöhen, um die Ausnahmeposition im europäischen Klubfußball zu behalten - wenn es denn schon sportlich nicht klappt: Die Superliga mit einem langfristig garantierten Startplatz für die Madrilenen muss her. Da ist es hilfreich, dass der FC Bayern zeitgleich mit den explodierenden Transfersummen hadert und sportlich nicht mehr an die Erfolge der letzten Jahre anknüpfen kann.

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Zuletzt mühten sich die Bayern zu einem flauen Unentschieden gegen den SC Freiburg, der bei der Super League nicht einmal auf der Gästeliste steht. Auch in München ist daher eine Verstetigung der Einnahmenseite erforderlich. Nur dass dummerweise diese Superliga so gar nicht in unser deutsches Verständnis von Fußball passen will, da sie der Zielsetzung der meisten Bundesligavereine widerspricht. Ihnen geht es um Fanwohlmaximierung, nicht um Gewinnmaximierung.

Großes Zerstörungspotenzial

Ein Blick in die Unternehmenspraxis macht klar, dass sich die Super League planenden Supervereine zunächst einmal Gedanken über den Zweck der Veranstaltung machen sollten. Dieser sogenannte Purpose bildet nämlich die Grundlage zur Erzeugung von Motivation und der Freisetzung produktiver Energie - jedenfalls in der Theorie. Eine noch unveröffentlichten Studie der HHL Leipzig Graduate School of Management und der Personalberatung Odgers Berndtson zum Führungsverhalten in der Bundesliga kommt zu dem Schluss, dass nahezu sämtliche Klubs ihren Daseinszweck im "erfolgreichen Fußballspiel zur Befriedigung der eigenen Anhänger" sehen.

Eine Erkenntnis, die sich auch in den markigen Werbeslogans der Vereine wie "Mia San Mia" oder "Echte Liebe" widerspiegelt.

In dieses Bild passt die Super League so gar nicht, verneint sie doch gerade das enge Bindungs- und Identifikationspotenzial der Vereine der deutschen Bundesliga. Fanwohlmaximierung und damit die Befriedigung der Interessen der eigenen Anhänger sind für die Planer die Superliga eher eine lästige Nebenbedingung im Kampf um die finanziellen Fleischtöpfe.

Fairerweise muss man zugeben, dass eine derartige Neuschöpfung auch Positives bewirken kann: Mit der prognostizierten Verdreifachung der Gesamteinnahmen auf bis zu sieben Milliarden Euro bis 2021 hätte die neue Liga ganz neue Möglichkeiten bei der Erschließung internationaler Märkte wie China und den USA. Zudem würde die Super League in einer Zeit des Auseinanderdriftens Europas ja irgendwie auch ein Zeichen für ein vereinigtes Europa setzen. Oder?

Eine neue Liga nur für Spitzenklubs würde ungeheuren Schaden anrichten

Im Ernst: Eine neue Liga nur für die Spitzenklubs, in der es keinen sportlichen Auf- und Abstieg gibt, sondern nur einen finanziellen, würde im europäischen Fußball ungeheuren Schaden anrichten. Die nationalen Ligen würden verkümmern und endgültig zum Spielball der Entertainmentbranche werden. Die Fans - die Financiers der heutigen Champions-League - würden sich abwenden. Würde ein solches Szenario Realität, wäre es für viele Klubs völlig ausreichend, nur noch im Bereich eSports aktiv zu sein. All das kann keiner wollen. Eines allerdings macht die Diskussion um die Super League klar: Es muss gehandelt werden. Denn auch wenn die Bundesliga in den Augen vieler - national wie international - immer noch die solideste Liga der Welt ist: Sie muss dringend reformiert werden.

Ein Konsens muss her

Der Reformator kann dabei nur die Deutsche Fußball Liga (DFL) selbst sein. Sie ist die Hüterin der Bundesliga und damit der Vermarkter dieser starken Marke. Allerdings ist das Aufgabenspektrum mannigfaltig. Es fängt damit an, dass nicht einmal eine einheitliche Rechtsform für die Bundesligisten existiert. In Frankreich werden sämtliche Klubs der Ligue 1 bereits seit 1999 als Aktiengesellschaften betrieben; wir in Deutschland erlauben uns noch immer ein mixtum compositum der unterschiedlichsten Rechtsstrukturen. Überdies orientiert sich das Führungsverständnis und -verhalten vielerorts eher am Gebaren eines eingetragenen Vereins als an den Usancen des Kapitalmarkts. Dem aber müssten sich alle Profiklubs stellen, da sie nichts anderes sind als große mittelständische Unternehmen.

Und obendrein existiert ja noch die sogenannte 50+1-Regel, die es externen Investoren nahezu unmöglich macht, die Mehrheit an einem deutschen Profiklub zu übernehmen. Die Existenz dieses fußballspezifischen Sondergesetzes ist zwar juristisch nur eingeschränkt haltbar, es hält aber den Fußball in seiner Eigenschaft als deutsches Kulturgut am Leben. Hier wäre es an der DFL, sowohl den Vereinen als auch den Fans ein Angebot zu machen, dass die Möglichkeiten der externen Finanzierung verbessert, ohne dabei die Zielsetzung und den ursprünglichen Charakter des Vereinsfußballs zu unterlaufen. Aktienrechtlich gäbe es da durchaus Möglichkeiten. Würde dieses Thema zielgerichtet diskutiert und eine konsensfähige Lösung erarbeitet, müssten wir uns langfristig um die Spannung in der Liga und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Klubs keine Gedanken machen. Indes fehlt bislang der Mut zur Umsetzung.

Die Diskussion über die Superliga ist wichtig

Der europäische Fußball steht vor großen Veränderungen. Die Idee einer Super League war mit ziemlicher Sicherheit erst der Anfang des neuen "Innovationsprozesses". Eine Superliga, von der die europäischen Topklubs träumen, würde vor allem den kurzfristigen Erfolg einiger weniger maximieren. Viel besser wäre es, stattdessen in professionelle Strukturen für alle zu investieren. Dann könnte die DFL zusammen mit den Profiklubs vor dem Hintergrund der voranschreitenden Internationalisierung und Digitalisierung den nachhaltigen Erfolg der gesamten Bundesliga sicherstellen - und damit auch dem der Vereine.

Daher sollten wir die Diskussion um die Super League nicht nur als Bedrohung der nationalen Ligen zu sehen, sondern vielmehr als Chance für eine Debatte über die Zukunft des nationalen Fußballs begreifen. Das Ziel muss sein, die Stärken der Bundesliga weiter zu stärken. Dazu braucht es aber einen starken Treiber. Diese Rolle können aber nicht einige wenige Topklubs übernehmen. In Deutschland muss das unzweifelhaft die DFL sein.

Henning Zülch ist Professor für Accounting and Auditing an der renommierten HHL Leipzig Graduate School of Management und ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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