Montag, 20. Februar 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Die besten Weine aus der neuen Pfalz Downtown Deidesheim

Die besten Weine aus der Pfalz: Wie Deidesheim sich neu erfindet
Fotos
Markus Bassler

Urdeutsch und piefig? Das war einmal! Einer der schönsten Weinorte Deutschlands hat sich enorm gewandelt. Winzer wie Köche machen das barocke Pfälzer Städtchen zu einem Hotspot für Genießer

Der Feinschmecker
Heft 3/2017

Das internationale Gourmet-Magazin

Aktuelles Heft bestellen

www.der-feinschmecker-shop.de

Hier ein Tipp, wie Sie kinderleicht Geld verdienen können: Werfen Sie beim nächsten Gespräch in die Runde, Deidesheim sei einer der coolsten Orte Deutschlands. Man wird Sie sicherlich auslachen und für eine Wette die großen Scheine zücken. Zu sehr wird die heimliche Hauptstadt der Pfalz immer noch mit der alten, piefigen Bundesrepublik verbunden, mit Bimbes und Helmut Kohl.

Was Sie auf den nächsten Seiten zu lesen bekommen, dürfte jedoch alle Zweifler eines Besseren belehren, die, so muss man sagen, die Entwicklung der vergangenen Jahre komplett verschlafen haben. Denn die urdeutsche Pfalz, und mit ihr das 4000-Einwohner-Örtchen Deidesheim, hat sich zu einem internationalen Hotspot für lässige Genießer entwickelt - ohne dass die Trendscouts zwischen Berlin und Hamburg Notiz davon genommen hätten.

Um auf diese Spur zu kommen, müssen wir zunächst untertauchen. Im Untergrund, genauer gesagt im Keller des Weinguts Reichsrat von Buhl, finden sich drei Fässer, die nach Designern benannt sind: Chanel, Dior und Versace. So haben die Lehrlinge die drei besten Fässer getauft. Denn was darin heranreift, ist so feinstoffig, komplex und kapriziös wie die Kreationen der berühmten Modeschöpfer.

Tatsächlich steht der Vergleich den ausgewählten Weinen sehr gut: Geradezu verwegen verführerisch erscheint der 2014er Riesling aus der Lage Paradiesgarten, und bewusst straff gibt sich der 2013er Gutsriesling, dessen schneidiger Säure kein Gramm Restzucker schmeicheln darf. Weine am Puls der Zeit oder, wie Geschäftsführer Richard Grosche sagt, "kompromisslos eben". Ein pures Spiegelbild der Herkunft, so will es Kellermeister Mathieu Kauffmann, der bedächtig neben dem quirligen Grosche von Fass zu Fass schreitet, immer wieder Proben daraus zieht und diese eher einsilbig kommentiert.

Lesen Sie auch: Das sind die besten Bordeaux für Ihren Keller

Kauffmann ist einer der Urheber des fundamentalen Wandels: Im Elsass geboren, hat der Franzose als Kellermeister viele Jahre die feinen Perlen des Champagnerhauses Bollinger veredelt. Eigentlich macht man so etwas bis zur Rente. Doch zu einer Zeit, als er nicht recht zufrieden war, bekam Kauffmann das Angebot eines Geschäftsmannes, das er nicht ablehnen konnte - von ihm wird später noch die Rede sein.

Kauffmanns Auftrag jedenfalls war von Anfang an klar: Er sollte nicht weniger als den besten Rieslingsekt Deutschlands machen - und verließ dafür schließlich sein Heimatland. Seine Mission verfolgt der schlanke 50-Jährige unbeirrt. Keine Süße darf die Weine gefällig machen, es geht ihm einzig und allein darum, die Rauchigkeit des Pechsteins herauszuarbeiten oder die ungestüme Kraft des Ungeheuers in die richtigen Bahnen zu lenken. Diese beiden Lagen gehören sicherlich zu den ausdrucksstärksten der Pfalz.

Der Mann, der das Potenzial dieser sich im Märchenschlaf befindenden Idylle früher als andere erkannte, hieß Achim Niederberger (vom Feinschmecker posthum mit dem Wine Award 2014 ausgezeichnet). Ein Selfmade-Millionär, früh verstorben, doch zum Glück für die Region rechtzeitig mit Wein in Berührung gekommen. Er kaufte innerhalb weniger Jahre drei der traditionsreichsten Weingüter der Pfalz: Reichsrat von Buhl, Von Winning und Bassermann-Jordan.

Er erwarb Hotels und Restaurants, investierte Millionen in den Umbau und besetzte Schlüsselpositionen mit den richtigen Leuten. Selbstredend war er es, der Mathieu Kauffmann aus der Champagne in die Pfalz lockte - mit Geld, aber auch mit Visionen, was hier zu erreichen sei. Mit seinem Wirken löste Niederberger eine stille Revolution aus, deren Folgen er nur noch in den Anfängen miterleben konnte. Seine Witwe Jana übernahm die Geschäfte, führt sie vielleicht nicht mit der gleichen Urgewalt, aber ebenso konsequent und mit langem Atem.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH