Sonntag, 16. Dezember 2018

Frauen- und Kapitalismuskritik am Schauspiel Leipzig Abrechnung mit der herzlosen Kapitalistin

Hauptdarstellerin Sophie Hottinger in "Der Minusmensch" am Schauspiel Leipzig.
Peter Littger
Hauptdarstellerin Sophie Hottinger in "Der Minusmensch" am Schauspiel Leipzig.

Das Schauspiel Leipzig inszeniert mit dem "Minusmensch" ein Stück, das - leider - perfekt in unsere Zeit voller Alleinerziehung und Selbstoptimierung, künstlicher Befruchtungen und Leihmütter passt.

Peter Littger
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    Neben Rückenproblemen und Übergewicht schleppen wir oft auch eine andere Zivilisationskrankheit mit uns herum: holpriges Englisch. Falls Sie auch darunter leiden, hilft Ihnen diese Kolumne von Peter Littger. Er berichtet als Denglischer Patient aus allen möglichen Lebenslagen über deutsch-englische Sprachverwirrungen und nicht zuletzt über seine eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. Sein Buch "The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings- fremdsprache" ist ein Bestseller.
    Auf Twitter unter @FluentEnglish.

Eine Frau will ein Kind. Nicht zwei oder drei, denn an eine Familie, eine Gemeinschaft mit einem Mann, denkt sie gar nicht mehr. Es soll ein einziges, optimales Kind werden - das gewissermaßen in einer "Mamilie" gedeiht, in der die Mama alleine bestimmen und planen kann.

Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor - von den Spielplätzen in Hamburg oder Tübingen, den Kitas in Berlin oder Augsburg, den Jugendämtern und Familiengerichten in unserem Land?

Kinder planen. Zukunft planen. Alles bestimmen, was uns einmal von Gott oder sonst wem als unbestimmt anvertraut wurde - das sind die zentralen Themen einer bemerkenswerten und erstmaligen Theaterproduktion am Schauspiel Leipzig. Sie zeigt einen längst nicht mehr unrealistischen Ausschnitt von Selbstoptimierung, Fremdbestimmung und, ja leider auch der Selbstbestimmung von Frauen, die im Ergebnis oft furchtbar übergriffig ist. Es bedarf angesichts der vielen alleinerziehenden Mütter und einsamen Väter in unserer Gesellschaft ja nicht einmal einer Zuspitzung, um zu verstehen, dass Familienplanung letztendlich Frauensache ist. Oder welcher alleinstehende Mann würde sich ohne Partnerschaft für eine künstliche Befruchtung, eine Adoption oder eine Leihmutter entscheiden? Ich kenne niemanden. Aber ich kenne immer mehr Frauen, die ohne irgendeine Verpflichtung gegenüber dem Erzeuger zum Kind kommen.

Autor Till Müller-Klug und Regisseur Steffen Klewar haben das Theaterstück "Der Minusmensch" getauft - und sie spielen bewusst mit einer Bedeutungsspanne, die von einer (zwischen-)menschlichen Temperatur unter null und einem verfrühten Zeitpunkt (vor der Null) bis hin zu einem charakterlichen Minus, also einem Makel als suboptimales Vorzeichen für Glück und Erfüllung im Leben reicht.

Und sie treiben es noch weiter, indem sie vermeintlich vordergründig ein bisschen Kapitalismuskritik einfließen lassen, tatsächlich jedoch einen faszinierenden Schnittpunkt von Markt mit dem Beziehungsleben auftun. Schließlich geht es uns in allen Situationen immer um die beste Allokation, früher von Mutter und Vater - im Idealfall erfüllt von Gegenseitigkeit und Liebe, geistig-sinnlicher Resonanz und sexueller Stimulanz. Und heute? Tja, in den vielen Fällen, in denen Paare doch leider nicht mehr sind als Zeugungsgemeinschaften, geht es um die beste Allokation von Ei- und Samenzellen.

Man könnte sich auch einfach zur Zeugung treffen, alles weitere vertraglich regeln und wieder auseinandergehen. Die schöne kalte Mutter im Stück, kurz "Sie" genannt" und ergreifend perfide gespielt von Sophie Hottinger, hat deshalb als "Finanzexpertin" auch eine zeitgemäße Geschäftsidee, die sie gemeinsam mit einem profitgierigen Arzt (Michael Pempelforth) realisieren will: eine Art "Tinder" für Spermien und Eier. Passt? Passt nicht. Passt nicht. Wisch, wisch, wisch. Ich will den besten, den erfolgreichsten, den schönsten … Mann? Nein! Samen!

Im Laufe der Handlung, die in einer eisigen Kulisse inszeniert wird und in der die männlichen Erzeuger entweder im Kostüm kaltblütiger Eisbären oder glatter Lackaffen auftreten, erscheinen auf einmal aus dem Eis - vulgo aus den Kühltanks, wo sie eingefroren lagern - tatsächliche Kinder! Mit ihren weichen lieblichen Stimmen singen sie ausgerechnet Freddy Mercurys "Who wants to live forever". Und sie treffen den Ton und die Stimmung so professionell, dass sie einen schaurig-schönen Moment schaffen, der das eiskalte Kalkül hinter jeder modernen Reproduktionsmedizin unter die Haut gehen lässt - und flächendeckend Gänsehaut erzeugt. Die Kleinen, allesamt aus der Leipziger Musikschule rekrutiert, spielen die "Minuskinder", auf deren Seelen die Optimierungszwänge ihrer Schöpferinnen lasten und die sich deshalb schon mit ihrem Schicksal auseinandersetzen müssen, bevor ihre positive Lebenszeit überhaupt begonnen hat.

Dramaturgisch zugespitzt wird der Zwang durch eine telepathische Technik der "Futur Familienaufstellung", ein Blick auf das Kind in 20 Jahren, moderiert vom Mamilien-Oberhaupt, der Mutter in spe. In diesem Moment wird dem Betrachter klar, dass sie es unter diesen Umständen nicht mehr verdient hat, von lieblichen Kinderstimmen noch einmal so gerufen zu werden, wie wir es Jahrtausende gemacht haben:

"Mama!"

Die Termine der nächsten Aufführungen amSchauspiel Leipzig finden Sie hier.

Offenlegung: Der neunjährige Sohn des Autors ist einer der Kinder-Darsteller des in Leipzig aufgeführten Stücks "Der Minusmensch".

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Peter Littger ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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