Samstag, 22. September 2018

Wie künstliche Intelligenz uns selbst verändern wird Unsere fremde Verwandtschaft

Künstliche Intelligenz ist heute längst Teil unseres Alltags, und sie wird stetig raffinierter. Viele Menschen fürchten deshalb, dass uns die Maschinen zu ähnlich werden. Doch die wahre Gefahr der KI liegt im Umgekehrten: dass wir Menschen den Maschinen zu ähnlich werden.

Woher wissen Sie, dass es ein Mensch war, der diese Zeilen geschrieben hat? Es gibt längst Computer, die Artikel verfassen, Gedichte sogar. In Japan kam 2016 eine von einer Software geschriebene Kurzgeschichte in die Auswahl eines Literaturpreises. Sie handelte davon, wie ein Computer einen Roman schreibt. Vor ein paar Jahren noch hätte ich als Autor dieser Zeilen Ihnen nicht beteuern müssen, ein Mensch zu sein. Heute können Sie es mir glauben, beweisen kann ich es Ihnen nicht.

Künstliche Intelligenz (KI) dringt in fast alle Bereiche des Lebens vor . Die großen Autokonzerne haben angekündigt, bis zum Jahr 2025 vollautonome Autos auf die Straßen zu bringen - also in gerade einmal sieben Jahren. Die ersten 'dark factories' sind schon in Betrieb: vollautomatisierte, unbeleuchtete Fabriken, in denen allein Roboter Dinge herstellen und im Gegensatz zu menschlichen Arbeitern kein Licht brauchen. Maschinen spielen heute Fußball, stellen medizinische Diagnosen, geben juristische Einschätzungen und haben Sex mit Menschen. Im japanischen Nagasaki hat ein Hotel eröffnet, das ohne menschliche Angestellte auskommt. Die Tate Gallery in London stellt computergemalte Bilder aus.


Es ist noch nicht lange her, da war die KI ein eher obskures Teilgebiet der Informatik, geprägt von tollpatschigen Robotern, quäkenden Computerstimmen und patzenden Schachprogrammen. Heute ist sie ein rasant wachsender Markt. Bis 2022 soll dieser ein Volumen von 16 Milliarden Dollar erreichen - schätzt Watson, die KI-Maschine von IBM. Alle reden über KI, viele sind begeistert von ihr, manche fürchten sie. Aber wovor genau haben sie Angst?

Interview: KI-Vordenker Jürgen Schmidhuber über die Zukunft künstlicher Intelligenz

Nimmt man den Ausdruck "künstliche Intelligenz" wörtlich, dann müsste er für Maschinen mit Denkvermögen oder Auffassungsgabe stehen. Aber ganz so einfach ist die Angelegenheit nicht. Intelligenz ist eine Eigenschaft, die auf Menschen gemünzt ist. Ihre Bedeutung ist von Kontext zu Kontext, von Kultur zu Kultur anders, Psychologen unterscheiden unzählige Formen von Intelligenz: darunter sprachliche, ästhetische, bildliche, soziale, mathematische und musikalische. Manche Psychologen sind überzeugt, dass hinter all diesen Varianten ein gemeinsamer Faktor steckt: eine "allgemeine" Intelligenz. Andere bestreiten, dass Intelligenz ein wissenschaftlich sinnvoller Begriff sei. Wir alle wissen intuitiv, was Intelligenz bedeutet, aber es ist keineswegs offensichtlich, ob und wie diese Eigenschaft auf Maschinen übertragbar ist.

Diese Unklarheit zeigt sich schon in den frühesten Definitionen der KI. Bereits der englische KI-Pionier Alan Turing (1912-1954) sagte nicht einfach "denkende Maschinen " voraus, sondern schrieb 1950 weit vorsichtiger: "Zum Ende des Jahrhunderts wird sich der Wortgebrauch und die allgemeine Sichtweise so sehr geändert haben, dass man von denkenden Maschinen sprechen können wird, ohne Widerstand erwarten zu müssen." Ein paar Jahr später definierte der amerikanische Logiker und Informatiker John McCarthy (1927-2011) von der Stanford University die KI als den Versuch, Rechenmaschinen zu bauen, "die sich auf eine Weise verhalten, die intelligent genannt würde, wenn Menschen sich so verhielten". Diese Definitionen haben etwas gemeinsam: Sie umgehen die Frage, ob die betreffenden Maschinen intelligent sind. Intelligent sein und so tun als ob - es ist keineswegs klar, ob beides auf das Gleiche hinausläuft.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Die Geburt der KI als eigenständige Disziplin wird gemeinhin auf das Jahr 1956 datiert. Im Sommer jenes Jahres fand der legendäre Workshop des "Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence" statt, auf dem die Vordenker der KI ein "Proposal" verabschiedeten - einen Masterplan für den Fortschritt der KI - unter der Annahme, "dass jeder Aspekt des Lernens oder jedes andere Merkmal von Intelligenz prinzipiell so genau beschrieben werden kann, dass es mit einer Maschine simuliert werden kann". Simuliert - was bedeutet das genau? Ist simulierte Intelligenz gleich echter Intelligenz?

Den in Dartmouth versammelten KI-Vordenkern bereiteten diese Fragen vermutlich wenig Kopfzerbrechen. Die 1950er-Jahre waren von der "Computermetapher" geprägt. Viele Wissenschaftler waren überzeugt, dass das menschliche Gehirn eine Rechenmaschine sei. Das Gehirn ist dabei die Hardware, der Geist ist die Software, und die Prozesse des Denkens, Fühlens und der Wahrnehmung bestehen in der Ausführung des Programms durch die Maschine. So gesehen ist ziemlich klar, was KI bedeutet: die Imitation der Arbeitsweise des natürlichen Neuronengehirns durch ein künstliches Elektronengehirn.

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