Sonntag, 24. März 2019

Compliance-Experte Christoph Hauschka "Armut ist mächtiger, als Normen es sind"

Kinderarbeit in der Türkei: Der syrische Flüchtling Hamude Karhu, 11 Jahre alt, arbeitet für umgerechnet sieben Euro in der Woche in einem Bekleidungsgechäft - das hilft seiner Familie, die Miete zu bezahlen. Sein Vater ist arbeitslos.

Zur Verantwortung eines Unternehmens gehört heute auch ein "Compliance"-Management, das darauf achtet, dass die Normen und Regeln der Firma auch eingehalten werden. Warum es dessen bedarf? Die Philosophie-Zeitschrift "Hohe Luft" sprach mit dem Compliance-Experten Christoph Hauschka.

Christoph Hauschka erscheint pünktlich und gut gelaunt zum vereinbarten Termin, das "Frage"-Spezial zum Thema "Was ist gute Arbeit?" unter den Arm geklemmt. Er steigt ohne Umschweife ins Gespräch ein, wechselt blitzschnell zwischen messerscharfen Analysen und schalkhaftem Lachen. Fast vergisst man darüber, dass man es mit einem Regelhüter zu tun hat: 17 Jahre lang war Christoph Hauschka der Chefsyndikus und General Counsel in deutschen und US-amerikanischen Konzernen.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

Heft bestellen

www.hoheluft-magazin.de
Seit zwölf Jahren gilt der in München tätige Rechtsanwalt als Deutschlands "Compliance-Papst". Hauschka ist der Gründer des "Netzwerk Compliance e. V." und war bis vor Kurzem auch Vorstandsvorsitzender. Seit 2014 ist er Mitglied des Vorstandes von DICO - dem Deutschen Institut für Compliance - und Herausgeber mehrerer Bücher zu dem Thema sowie Mitherausgeber der "Corporate Compliance Zeitschrift". Wenn einer etwas von Verantwortung versteht, dann er …

Frage: Was bedeutet Verantwortung für Sie als Jurist?

Hauschka: Ich stelle mir, wie viele Menschen in Unternehmen, Fragen nach dem konkreten Inhalt der ihnen übertragenen Verantwortung. Nehmen wir beispielsweise den Schokoladenhersteller, der Haselnüsse für seine Produkte braucht: 80 Prozent der Weltmarktproduktion stammen aus der Osttürkei. Dorthin ziehen zur Erntezeit ganze Sippen, ihre Existenz hängt von dieser Arbeit ab. Auch kleine Kinder und Schulkinder arbeiten da von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Christoph Hauschka
  • Copyright: DICO
    DICO
    Christoph Hauschka ist Gründer des "Netzwerk Compliance e. V." Seit 2014 ist der Jurist Mitglied des Vorstandes von DICO - dem Deutschen Institut für Compliance - und Herausgeber mehrerer Bücher zu dem Thema sowie Mitherausgeber der "Corporate Compliance Zeitschrift".
Natürlich ist Kinderarbeit auch in der Türkei verboten, aber Armut ist mächtiger, als Normen es sind. Händler weltweit vertreiben die Ware, der ja niemand ansieht, woher sie stammt und unter welchen Bedingungen sie geerntet wurde. Soll unser Hersteller versuchen, eigene Anbauflächen in anderen Ländern zu etablieren, um nicht Kinderarbeit zu fördern? Auch wenn dadurch Menschen in der Osttürkei ihre Existenzgrundlage verlieren, die Kinder dann vielleicht in Bergwerken und Steinbrüchen arbeiten oder zur Prostitution gezwungen werden? Was ist ethisch geboten? Was ist unmoralisch? Gibt es da ein Richtig und ein Falsch? Ich würde mir wünschen, dass Wirtschaftsethik und Philosophie mal Impulse geben, was verantwortliches Handeln in einer solchen Lage bedeuten könnte.

Frage: Viele Philosophen wissen wahrscheinlich nicht einmal, was "Compliance" genau bedeutet und was sie mit Verantwortung zu tun hat.

Hauschka: Compliance heißt verkürzt: Regeln zu beachten. Um Gesetze einzuhalten, bedarf es zunächst keiner besonderen Verantwortung oder Ethik. Jeder Staat erwartet von allen Bürgern, dass wir die Gesetze einhalten, er verlangt Rechtstreue als Minimalkonsens der Gesellschaft. Dieses Prinzip gilt auch für diejenigen, die kein ethisches oder moralisches Handeln für sich beanspruchen. Corporate Compliance zielt darauf ab, rechtliche Regeln und unternehmerische Vorgaben zu beachten. Daher: Ohne Verantwortung keine Compliance, ohne Compliance kein verantwortliches unternehmerisches Handeln.

Frage: Sie haben schon vor über zehn Jahren auf Compliance gesetzt. Was war ausschlaggebend für diese Entscheidung?

Hauschka: Es war überall zu beobachten, dass die Gefahren für die Unternehmen damals größer wurden: Die Bußgelder der Behörden erreichten hohe zweistellige Millionenbeträge, die Existenz ganzer Betriebe und die Arbeit der Beschäftigten waren bedroht. Manager wurden in Untersuchungshaft genommen, die bürgerliche Existenz von Managern und Mitarbeitern geriet in Gefahr. Es musste etwas geschehen. Compliance befasst sich mit der Organisation der Einhaltung von Normen in Unternehmen: Ich bin Jurist und habe den Großteil meines Berufslebens in der Industrie zugebracht. Ich weiß, wie Unternehmen ticken. Aber: Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens, jede Führungskraft konnte damals sehen, was da auf uns zukam.

Frage: Schaut man sich die von diversen Vorständen verursachten Affären und Skandale an, könnte man sich schon fragen: Spielen Moral und Ethik im Unternehmenskontext überhaupt eine Rolle?

Hauschka: Menschen sind als Mitarbeiter eines Unternehmens grundsätzlich nicht mehr oder weniger "ethisch" oder "moralisch" als in ihrem übrigen Leben. Bei ihrer Arbeit stehen sie unter ständig zunehmendem wirtschaftlichen Druck, die Angst um den Arbeitsplatz verfolgt sie, die Existenz des Unternehmens mag bedroht sein. Dann sind da das Streben, bestimmte Bonusziele zu erreichen, und die Angst vor dem vermeintlichen eigenen Versagen, wenn es um die Nichterfüllung bestimmter Vorgaben geht - auch das spielt eine Rolle. Da gerät so mancher in Versuchung.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung