Dienstag, 12. Dezember 2017

Chancengleichheit? Ein Erfahrungsbericht "Dass man nicht dazugehört, gibt einem die Elite schon zu verstehen"

Mirijam Günter: Die Schriftstellerin und Literaturvermittlerin bietet im deutschsprachigen Raum Literaturwerkstätten für benachteiligte junge Menschen an.
Dirk Fischer
Mirijam Günter: Die Schriftstellerin und Literaturvermittlerin bietet im deutschsprachigen Raum Literaturwerkstätten für benachteiligte junge Menschen an.

Die Ergebnisse der Bundestagswahl zeigen auch, wie gespalten das Land ist. Etliche Teile der Gesellschaft fühlen sich abgekoppelt; Chancengleichheit und "Gerechtigkeit" waren für etliche Parteien im Wahlkampf wichtige Begriffe - oder eine Floskel. Unsere Gastautorin Mirijam Günter weiß aus eigener Erfahrung, wie hoch die Hürden in Gesellschaft und Wirtschaft sind, wenn man nicht dazugehört. Für manager-magazin.de berichtet die Schriftstellerin aus ihren Erfahrungen mit benachteiligten Jugendlichen, für die sie Literaturwerkstätten anbietet.

Nach einem Treffen einiger Kulturschaffender steht man abends in geselliger Runde zusammen und kommt auf alte Schultage zu sprechen. Irgendwann trifft es mich. "Und auf welcher Schule warst Du?" fragt mich einer aus der Runde. Jetzt sollte ich schnell ein neues Leben erfinden, vielleicht ein zweiter oder siebter Bildungsweg, der mich doch das Germanistikstudium hat schaffen lassen, oder wenigstens einen König als Vater auf einer Koralleninsel.

"Hauptschule", gebe ich zur Antwort.

"Echt. Das ist ja krass, " fällt einem dazu in der Runde ein.

"Liest man denn in der Hauptschule überhaupt?", werde ich gefragt, nachdem sämtliche Klischees, von Gewalt über Rütli bis zu Hartz IV und was die Runde sonst mit Hauptschulen verbindet, durchgegangen worden sind. "Ich glaube, die lesen höchstens die Bildzeitung", gibt eine junge Frau zur Antwort. "Also, wir haben nicht die Bildzeitung gelesen", entgegne ich. "Du kommst aus Köln, da liest man ja den Express", versucht es einer auf die witzige Tour.

"Aber ich sehe dich immer mit so dicken überregionalen Tageszeitungen, Respekt, dass du als Hauptschüler das verstehst", bewundert mich einer aus der Runde. "Das ist alles schon ein paar Jahre her, jeder entwickelt sich weiter", sage ich. "Es gibt unter Gymnasiasten weniger gebildete Menschen und unter Hauptschülern sehr pfiffige Jugendliche. Schließlich muss der Hauptschüler viel mehr kämpfen, um bei all den Ressentiments einen Platz in der Gesellschaft zu finden." Diesen Aspekt hatte die Gruppe noch nie in ihrem Leben bedacht.

"Liest du eigentlich noch etwas anderes?" möchte dann jemand wissen.

"Konkret und die Kirchenzeitung." Sie schauen mich skeptisch an, aber niemand sagt etwas. Jemanden mit ihrem eigenen bildungsbürgerlichen Background hätten sie wahrscheinlich gefragt, ob er sie gerade verschaukeln wolle. Aber da steht tatsächlich eine ehemalige Hauptschülerin - wer weiß, was die dann macht, wenn jemand da mal kritisch hinterfragt? Man liest ja so einiges.

So, wie sie da stehen, tun sie mir fast schon leid. "Also den Sportteil im Express lese ich meistens schon in der Kneipe."

Einer aus der Gruppe, der sich auffällig zurückgehalten hat, gibt mir später zu verstehen, dass er auch auf der Hauptschule war; er bittet mich, dies für mich zu behalten. Zu groß ist die Angst, seine berufliche Künstlerkarriere zu gefährden, keine Chance zu haben und nur auf die üblichen Vorstellungen reduziert zu werden.

Ich kann es verstehen. Wer es trotz der Klischees nach oben geschafft hat, weiß, wie sich Einsamkeit anfühlt. Bestenfalls wird einer als interessanter Exot wahrgenommen; wenn man Pech hat, schlägt einem regelrechter Hass entgegen. Ist es doch ein Unterschied, unter seinesgleichen von Chancengleichheit zu sprechen oder auf einmal wirklich neben einem ehemaligen Hauptschüler zu stehen. Dass man nicht dazugehört, geben einem die Elite und deren Nachwuchs dann schon zu verstehen, allein durch ihren Habitus. Da wird einem das Lesen von Büchern bekannter Philosophen nicht zugetraut, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge und Analysen, die man entwirft, werden nicht ernst genommen.

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