Donnerstag, 29. September 2016

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Entfesselungskünstler Houdini Der Mann, der durch Wände ging

Houdini: Der Handschellen-König
Fotos
Corbis

Er befreite sich aus vernagelten Kisten, knackte die verzwicktesten Schlösser und wand sich 1915 gar in der Luft hängend aus einer Zwangsjacke: Seine unfassbaren Tricks machten Harry Houdini zum ersten US-Superstar. Aufhalten konnte ihn nur ein Besenstiel.

Es ist exakt High Noon, als Harry Houdini sich öffentlich aufknüpfen lässt. Zwei Mitarbeiter der Psychiatrie fixieren ihn mit einer Zwangsjacke und binden seine Fußknöchel an ein dickes Seil. Dann wird er per Kran kopfüber in die Höhe gezogen. Scheinbar hilflos, in sich verpuppt, baumelt der gefesselte Körper in der Luft, über den Köpfen Tausender Schaulustiger.

Doch da, ein Raunen geht durch die Menge: Houdini windet sich, zuckt und zerrt, wie durch ein Wunder schafft er es, den rechten Arm zu befreien. Scheinbar mit den Zähnen löst er die Schnallen, Gurte, Riemen und zappelt wie ein Fisch, bis auch der linke Arm zum Vorschein kommt. Ein Trommelwirbel - und Houdini ist frei. Triumphierend schwenkt der Mann mit den stechend blauen Augen die Zwangsjacke, frenetischer Applaus brandet auf.

Genau vor 100 Jahren präsentierte Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler aller Zeiten, erstmals seinen spektakulären Zwangsjacken-Trick. Im September 1915, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, überraschte er damit zunächst die Menschen in Kansas City und Minneapolis. Ab Herbst tourte er durch den Rest der USA. Wohin der Magier auch kam, liefen die Massen zusammen, stand der Verkehr still, waren ihm die Schlagzeilen sicher. Houdini war zum ersten Superstar Amerikas avanciert, mehr ging nicht - und das wusste er auch.

"Ich habe mein Limit erreicht. Und mir scheint, dass dies mein letzter Stunt sein wird", sagte der 42-Jährige im April 1916 einem Reporter der "Washington Times". Doch natürlich machte Marketing-As Houdini weiter, war sein Statement nichts als Gratis-PR, kokette Flunkerei. Das gesamte Leben des Illusionisten basierte auf Tricks und Täuschung. Bereits die Eckdaten seiner Biografie haben wenig mit der Wahrheit zu tun.

Nadeln mit den Wimpern aufgelesen

So wurde Houdini nicht in Appleton, Wisconsin, geboren, wie der glühende US-Patriot der Welt stets vorgaukelte, sondern in Budapest. Und das nicht als Sohn eines gelehrten Rabbiners, sondern eines bitterarmen jüdischen Seifenmachers. Vier Jahre alt war Ehrich Weisz, so Houdinis wirklicher Name, als seine Familie in die USA emigrierte - auf der verzweifelten Suche nach einem besseren Leben. Ehrgeiz und Perfektionismus katapultierten den jungen Ungarn Ehrich aus der Gosse nach ganz oben.

"Ich möchte immer der Erste sein. Das ist es, wofür ich lebe und meine ganze Kraft gebe. Wenn ich das nicht länger schaffe, möchte ich mich aus dem Leben verabschieden", erzählte er 1910 einem Journalisten. Da nannte sich der Autodidakt bereits Harry Houdini - als Hommage an seine Idole, den berühmten US-Illusionisten Harry Kellar und den französischen Magier Jean Eugène Robert Houdin. Seinen ersten Künstlernamen indes gab er sich bereits als Kind.

"Erich, Prinz der Lüfte" hieß er da, verzauberte als Trapezkünstler die Nachbarn und kassierte mit neun Jahren 35 Cent für seine erste Performance: Kopfüber las er mit seinen Wimpern Nadeln vom Boden auf. Später tingelte Houdini mit Zirkusleuten durch die Lande, verkaufte angebliche Wundertinkturen, versuchte sich als Hellseher. Ein armloser Mann brachte ihm bei, die Zehen zu benutzen, als seien es die Finger. Freunde berichteten, dass Houdini in jeder freien Minute übte, Knoten mit den Füßen zu lösen und Faden in eine Nadel einzufädeln.

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