Freitag, 21. Juli 2017

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Entfesselungskünstler Houdini Der Mann, der durch Wände ging

Houdini: Der Handschellen-König
Fotos
Corbis

3. Teil: "Der mysteriöseste Mensch der Welt"

1911 ließ sich Houdini im britischen Chatham vor die Mündung einer geladenen, mit einem Zeitzünder versehenen Kanone binden. Im Jahr darauf befreite sich der Künstler in Berlin erstmals aus der "chinesischen Wasserfolterzelle": einer mit Wasser gefüllten, an allen Seiten verschlossenen Glasbox, in die er sich, kopfüber an den Füßen fixiert, sperren ließ. Und wenige Wochen vor seinem Tod hielt es der Extremtaucher 91 Minuten lang in einem angeblich luftdicht verschlossenen Sarg aus, der in einem New Yorker Hotelpool versenkt wurde.

"Houdini ist der mysteriöseste Mensch der Welt", brachte es ein "Popular Science"-Journalist 1925 auf den Punkt. Und der als cholerisch geltende Kontroll-Freak setzte alles dran, dass ihm niemand auf die Schliche kam: Wer mit ihm arbeiten wollte, musste per Eid schwören, niemals seine Tricks auszuplaudern - allzu neugierige Zuschauer wurden von seinen Assistenten kurzerhand mit Chloroform betäubt.

Wenn es jedoch darum ging, andere der Täuschung zu überführen, kämpfte Houdini an vorderster Front: Der glühende Geisterjäger setzte alles daran, selbst ernannte Medien als Scharlatane zu entlarven. Besonders hatte er es auf die Geisterbeschwörerin Mina Crandon abgesehen, die Tische zum Schweben brachte und zum Beweis ihrer Übersinnlichkeit waberndes Ektoplasma aus ihrer Vagina entließ: jene ominöse weißliche Geistersubstanz, die bei Crandon aus einem Schlitz in ihrem Kimono aufstieg. Houdini stellte die aufreizende Kanadierin als das bloß, was er selbst war: eine äußerst raffinierte Trick-Koryphäe.

Schmach in der Hotelhalle

Warum der Spiritisten-Hasser dennoch mit seiner Frau Bess ein Codewort ("Rosabell, believe") ausmachte für den Fall, dass sein Geist nach dem Tod mit ihr in Verbindung treten sollte? Warum der angeblich so rationale Künstler ihr jahrelang Briefe über einen nie geborenen Sohn schrieb, die erst in dem Moment abreißen, als der fiktive Filius zum US-Präsidenten gekürt wird? Die Nachwelt wird das psychologische Rätsel Houdini kaum lösen können - ebenso wie sie seine Tricks nie wirklich verstehen wird.

Just ein solcher Augenblick des Unvorbereitetseins war es auch, der 1926 zu seinem Tod führen sollte: Mit voller Wucht schlug der Student Jocelyn Gordon Whitehead dem Entfesselungskünstler am 22. Oktober in den Bauch. Houdini, der stets damit geprahlt hatte, jeden Schlag in den Unterleib durch Anspannung der Bauchmuskulatur zu überstehen, war auf die plötzliche Attacke nicht gefasst - und sackte in seiner Garderobe zusammen. Neun Tage später war er tot. Der 52-Jährige starb mit den Worten: "Ich bin zu müde, um weiterzukämpfen. Ich glaube, diese Sache ist zu viel für mich."

Oder befreite sich der Meister der Selbstinszenierung am Ende selbst aus dieser letzten Fessel? In dem Moment, in dem der Bronzesarg mit dem Leichnam Houdinis von zehn Illusionisten aufgehoben wurde, wisperte einer seiner Freunde: "Ich wette, dass er nicht mehr drin ist."

Fest steht, dass der Mann, der die Welt mit immer neuen Beinahe-Toden in Atem hielt, nichts so sehr fürchtete wie den ganz banalen Kontrollverlust: Im Frühjahr 1900 sah ein Geschäftsmann den Ausbrecherkönig in einer Telefonkabine des Savoy-Hotels von Kansas City stehen. Er nahm einen Besen und steckte ihn so zwischen die Kabinengriffe, dass Houdini eingesperrt war. Außer sich vor Panik trommelte der Entfesselungskünstler von innen gegen die Wände, trat gegen die Tür und schrie so lange, bis ein Hotel-Mitarbeiter sich erbarmte und den gedemütigten Houdini befreite.

 

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