Mittwoch, 22. November 2017

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Konjunktur Der unheimliche Aufschwung

Bauboom in Frankfurt: Viel Wachstum. Zu viel Wachstum?

Rund um den Globus stehen die Zeichen auf konjunkturelle Belebung. Deutschland steht am Beginn eines Booms. Kann das gut gehen?

Die erste Hürde ist genommen. Gut möglich, dass Europa auch die zweite Hürde nimmt. Die Niederländer haben bei den Wahlen in der zurückliegenden Woche der populistischen Versuchung widerstanden. Auch in Frankreich, so sagen es die Umfragen vorher, wird die Nationalistin Marine Le Pen im zweiten Wahlgang scheitern. Zwei EU-Kernstaaten wären dann auf Jahre auf proeuropäischem Kurs.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Europa könnte durchstarten - genauso wie sich das die meisten Staats- und Regierungschefs wünschen, die sich am Samstag in Rom treffen, um feierlich das 60. Jubiläum der Gründung der EU zu begehen. Mehr noch: Die Weltwirtschaft könnte einen überraschenden Aufschwung genießen. Schließlich wäre eines der großen politischen Risiken - ein Auseinanderbrechen der Eurozone infolge rechtspopulistischer Wahlsiege - deutlich reduziert. In der Tat ist dies das wahrscheinlichste weltwirtschaftliche Szenario für die nähere Zukunft: mehr Wachstum. Überraschend viel Wachstum. Womöglich zu viel Wachstum?

Vier Indizien für einen kräftigen Aufschwung

Bereits seit einiger Zeit lässt sich der konjunkturelle Aufwärtstrend an diversen Indikatoren ablesen. Nur wird er bislang übertönt von all dem politischen Lärm, den die großen Staatsdarsteller - Trump, Erdogan, Putin und Co. und ihre europäischen Sympathisanten - verbreiten.

Es sind vor allem vier Indizien, die die Hoffnung auf einen kräftigen Aufschwung begründen: die Laune, die Preise, das Öl und das Geld.

Umfragen bei Managern von Unternehmen zeigen, dass rund um den Globus die Stimmung so gut ist wie lange nicht. (Neue Zahlen für die Eurozone gibt's am Freitag.) Auch in Deutschland weist der Ifo-Geschäftsklimaindex auf exzellente Laune in der Wirtschaft hin. Ob Industrie, Großhandel oder Bau - die Manager sind mit der aktuellen Lage überaus zufrieden. Nach Ifo-Definition befindet sich Deutschland derzeit in einem "Boom".

Die Inflation zieht an. Offenkundig geht die Zeit unausgelasteter Produktionskapazitäten und hoher Arbeitslosigkeit zu Ende. Über Jahre waren die Preissteigerungsraten sehr niedrig und teils sogar negativ. Das nährte die Angst, große Teile der Weltwirtschaft könnten in eine deflationäre Dauerkrise abrutschen. Doch nun ziehen die Inflationsraten an: In den USA stiegen die Konsumentenpreise zuletzt um 2,7 Prozent, in Deutschland um 2,2 Prozent, in der Eurozone insgesamt um zwei Prozent. Selbst Japan hat nach Jahren der schleichenden Deflation wieder positive Inflationsraten.

Öl bleibt billig. Aller Ankündigungen der großen Ölstaaten zum Trotz ist der wichtigste Energieträger günstig - etwa halb so teuer wie zu Beginn dieses Jahrzehnts. Der Grund liegt in strukturellen Verschiebungen: Kleinere US-Produzenten, die per Fracking-Technologie Öl aus Gesteinsschichten herausholen, sind in der Lage, ihre Fördermengen flexibel der Nachfrage anzupassen. Das stabilisiert den Preis.

Und dann ist da noch der vierte Faktor, vielleicht der wichtigste von allen: billiges Geld.

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