Dienstag, 22. Mai 2018

Volkskrankheit Burn-out Wie man sich vor Burn-out schützen kann

Top Ten: Was Arbeitnehmern in Deutschland im Job am wichtigsten ist
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Dunkel, grau, abweisend: Im Winter leiden viele Menschen unter Antriebs- und Lustlosigkeit. Meist legt sich dieser "Winterblues" mit Beginn des Frühlings. Doch nicht immer verfliegt die Niedergeschlagenheit mit steigenden Temperaturen: Vermehrt leiden die Deutschen an einem Syndrom, dessen Ursprung nicht im Wetter liegt - sondern im Arbeitsleben: dem Burn-out. Was man dagegen tun kann, erklärt der Mediziner Andreas Wahl-Kordon.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Psychische Erkrankungen waren 2016 mit 17,1 Prozent der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeiten in Deutschland. Burn-out spielt dabei eine immer stärkere Rolle: Auf 1000 AOK-Mitglieder kamen 2016 durchschnittlich 109,9 Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Burn-out-Erkrankungen - eine Steigerung um mehr als das Fünffache gegenüber 2006.

Andreas Wahl-Kordon
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    Der Privatdozent Andreas Wahl-Kordon ist promovierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Oberbergklinik Schwarzwald , die auf Depressionen, Abhängigkeitserkrankungen, Burn-out, Zwangs-, Angst- und Panikstörungen sowie Traumafolgestörungen spezialisiert ist.

Der enorme Anstieg mag zwar auch daran liegen, dass die Gesellschaft psychische Erschöpfung heute eher als Krankheit akzeptiert als noch zu Beginn des Jahrhunderts. Doch vor allem ist er ein Signal dafür, dass zu viele Menschen mehr arbeiten, als ihnen guttut. Die Folgen sind nicht nur für Unternehmen schwerwiegend, die oft monatelang auf gute Arbeitskräfte verzichten müssen.

Wie belastend ein Burn-out für jeden einzelnen Betroffen ist, erlebe ich als Arzt tagtäglich: Viele Patienten, die zu uns kommen, stecken in einer Sackgasse, aus der sie alleine keinen Ausweg finden. Sie klagen über Gleichgültigkeit, Antriebslosigkeit und Erschöpfung, die im schlimmsten Fall in eine schwere Depression münden kann. Doch einen wichtigen Schritt haben sie bereits gemacht: Sie haben die Einsicht erlangt, dass es so nicht weitergeht.

Was ist ein Burn-out überhaupt?

Der Begriff Burn-out geht auf den deutsch-amerikanischen Psychologen Herbert Freudenberger zurück, der die Symptome 1974 erstmals beschrieb und schilderte, wie sich Pflegekräfte im Beruf verausgaben und dadurch "ausbrennen". Bis heute ist Burn-out keine eindeutige klinische Diagnose. Mediziner verwenden den Begriff, um einen umfassenden Erschöpfungszustand zu beschreiben, der seinen Ursprung in einer psychischen Belastung hat.

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Der Grund für diese Überlastung ist die Art, wie wir im 21. Jahrhundert arbeiten. Immer mehr Menschen beantworten auch am späten Abend noch E-Mails, schuften am Wochenende und lassen ihren Job selbst im Urlaub nicht vollständig ruhen. Gemessen an den Arbeitsunfähigkeitstagen sind besonders Berufe im Dialogmarketing betroffen, gefolgt von Aufsichts- und Führungskräften im Gesundheitssektor und im Verkauf. Das zeigen Statistiken des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.

Die ständige Überlastung kann fatale Auswirkungen haben: Wenn wir uns im Beruf dauerhaft verausgaben, drohen sogenannte Gratifikationskrisen. Krisen, die den Betroffenen das Gefühl geben, für außerordentliche Leistungen nicht ausreichend entlohnt zu werden. Dabei geht es den meisten Menschen weniger um Geld als um Anerkennung, Wertschätzung und die Unterstützung bei beruflichen Herausforderungen - dieses Feedback erhalten wir immer wieder von unseren Patienten.

Schlafstörungen, Selbstzweifel und Grübeln als Warnsignale

Die Folgen solcher Krisen sind oft Schlafstörungen, Selbstzweifel und vermehrtes Grübeln. Wenn dann noch Antriebslosigkeit, soziale Isolation und unter Umständen Alkohol- und Drogenprobleme dazukommen, deuten alle Anzeichen auf ein Burn-out hin: Einen Erschöpfungszustand, unter dem immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland leiden - und den wir uns in diesem Ausmaß nicht mehr leisten können.

Ein Umdenken ist gefordert, bei Arbeitgebern wie bei Arbeitnehmern. Unternehmen müssen vor allem die Arbeitsbedingungen auf den Prüfstand stellen. Sie sollten kritisch hinterfragen, ob das Arbeitspensum in der vorgegebenen Arbeitszeit zu schaffen ist oder ob Überstunden zwingend notwendig sind, um im Job zu bestehen. E-Mails, die in der Urlaubszeit eintreffen, automatisch zu löschen oder berufliche Telefonate nach Feierabend auf Notfälle zu beschränken, sind weitere Möglichkeiten, um Mitarbeiter zu schützen. Auch regelmäßige Feedback-Gespräche sowie Coachings, die die Stressresistenz erhöhen, können für Abhilfe sorgen.

Persönliche Freiräume bewahren

Wichtig ist, sich Freiräume zu schaffen, in denen Arbeit nur in absoluten Ausnahmen eine Rolle spielt, und sich regelmäßig Auszeiten für Sport oder Aktivitäten mit der Familie zu nehmen, auf genügend Schlaf zu achten und das Handy auch einmal ausgeschaltet zu lassen.

Zusätzliche Aufgaben freundlich, aber bestimmt abzulehnen oder Kollegen um Hilfe zu bitten, darf nicht als Schwäche gelten, sondern ist - im Gegenteil - Zeichen eines klugen Umgangs mit den eigenen Ressourcen. Dazu gehört auch, dass sich Betroffene nicht selbst belügen: Wer Alarmsignale wahrnimmt, sollte sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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