Mittwoch, 1. Juni 2016

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WM-Berichterstattung Bela Rethy ist das geringste Problem

Sie sind, nett ausgedrückt, Polarisierer: ZDF-WM-Kommentator Bela Reth (links) und ZDF-WM-Experte Oliver Kahn.

Seit einer Woche zeigen ARD und ZDF die Fußballweltmeisterschaft - seitdem wird viel über die Kommentatoren gejammert. Das weitaus größere Ärgernis sind aber die Berichte vor und nach jedem Spiel.

Man kann es natürlich positiv sehen: 10 Millionen, immerhin, haben die WM-Berichterstattung der ARD zum ersten Deutschland-Spiel verfolgt. Das sind mehr als bei fast jedem "Tatort". Einerseits.

Andererseits: Es sind 16 Millionen weniger als beim Spiel selbst.

16 Millionen. Weniger. So viele zu vertreiben, muss man auch erst einmal schaffen.

Aber es ist auch kein Wunder: Warum sollte man dranbleiben? Was hat die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen an Mehrwert zu bieten? Da wird Kathrin Müller-Hohenstein gezeigt, wie sie einen Affen mit Bananen füttert. Da gackern Oliver Kahn und Olli Welke über "Bananen!". Da wird ein Film gezeigt über das deutsche Spiel, in dem man nochmal erfährt, dass ein gewisser Müller drei Tore gegen Holland geschossen hat und die Stimmung jetzt gut ist im Team - 24 Stunden nach dem Spiel.

Ein Film von der Copa Cabana klärt auf, dass die Stimmung dort nach dem 0:0 der Brasilianer nicht so gut ist. Dass alte Brasilianer die gute alte Zeit vermissen. Dass die Holländer sich über Siege freuen. Die Spanier über ihr Ausscheiden nicht so. Es wird viel geredet von Freude, Schmerz, Stolz, Wille, von "Alles oder Nichts".

Und alles wird unterlegt mit dramatischer Musik und überbelegt mit bedeutungsschwangeren Einwortsätzen, die einem nicht mehr verraten als das, was man vorher ohnehin schon wusste. Oder der Stammtischnachbar längst ausgeraunt hat.

Es wird ja gern über die Kommentatoren gelästert, über die Anekdoten von Bela Rethy, die Distanzlosigkeit von Gerd Gottlob und die anhaltende Ahnungslosigkeit von Wolf-Dieter Poschmann. Doch so unerträglich sind sie gar nicht, im besten Fall klären sie durchaus auf über Strukturen und Beobachtungen auch jenseits des Bildausschnitts, im schlimmsten sind sie ein Hintergrundrauschen, das man leiser drehen kann. Das Hauptproblem der Öffentlich-Rechtlichen besteht nicht zwischen Anpfiff und Abpfiff. Sondern in der Zeit davor und danach.

Vor dem Spiel erfährt man viel Buntes, es ist ja noch nichts passiert. In der Halbzeitpause ist keine Zeit, da sind ja die Kollegen von Tagesschau und Heute Journal dran. Und nach dem Spiel essen Affen Bananen. Kaum mal ein Blick auf Taktik, auf Veränderungen während des Spiels, auf die Fehler, die zu Toren führten. Klar, es gibt Ansätze, wie die Taktikfilmchen des ZDF. Aber sie sind selten und kurz.

Es ist dafür ja keine Zeit, die nächste Schalte zum Strand wartet, zur internationalen Klischee-Reanimation: Brasilianer tanzen gern Samba, afrikanische Mannschaften vertrauen auf Voodoo-Zauber, Engländer trinken und scheuen Elfmeter, Japaner sind fleißig und ordnen sich ein. Und es ist heiß, so heiß in Brasilien.

Der Grund mag sein, dass die Sender sich nicht trauen. Sie sehen, wie viele Menschen ihr Programm einschalten, sie wollen keinen verschrecken. Also setzen sie auf das möglichst unanstrengendste Programm, das ihnen einfällt. Es soll niemanden überfordern - also unterfordert es jeden. Es soll keinen verschrecken - also wird es belanglos. Beim Zwischenprogramm ist es egal, ob man hinsieht. Es ist die Formatradioisierung des Fernsehens. ARD und ZDF könnten es sich leisten, 11Freunde-TV zu sein, doch lieber sind sie Hitradio. Alles für die Quote, nichts für das Erinnerung.

Sportfernsehen muss mehr leisten. Es muss nicht nur alles mit Willen, Stimmung und individueller Form erklären, sondern noch viel mehr mit Ketten, Systemen, freien Räumen, konkreten Situationen. Wie das geht, sieht man in englischen Sendern oder auch bei Eurosport, auf Seiten wie Spielverlagerung.de und im Extrem sogar auf Fivethirtyeight.com von Politprognose-Guru Nate Silver, der mittlerweile seine Statistikanalysen auf den Sport anwendet.

Aber es gibt doch das Internet, werden die Verantwortlichen dann sicher sagen: Auf zdf.de und daserste.de könne man sich doch alle Videoschnipsel anschauen und jede Statistik selbst raussuchen. Gewiss. Aber dann reicht es auch für Lehrer, wenn sie Schülern ein paar Lexika auf die Tische knallen. Da können sie sich ja auch alles raussuchen.

Diesen Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Debattier-Portals opinion club .

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