Mittwoch, 28. September 2016

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Entschleunigen in der Natur Der Hirschflüsterer von Bad Gastein

Der Hirschflüsterer: Wie ein Hotelier in Österreich Wild rettet
Fotos
Elias Hassos

Dies ist die Geschichte des Hoteliers Thomas Tscherne aus Bad Gastein, der auf einen Berg stieg, um Hirsche zu schützen. Fünf Jahre dauerte es, bis sich der erste von ihm füttern ließ. Vom Luxus, die Welt zu retten.

Die glänzenden Nasen, wie mit Schuhcreme poliert. Die langen Wimpern, die gerupften Fellstellen, wo Raufereien mit den anderen Löcher hinterlassen haben, die samtigen Ohreninnenseiten: So klar ist jedes Hirschdetail zu erkennen, als habe man eine stechend scharfe Aufnahme großgezogen. Aber die Hirsche sind echt, kein Bild, nur eben so nah wie noch nie. Eine Geweihspitze pikst leicht ins Bein, als das größte Tier den Kopf senkt, um knurpselnd etwas Futter vom Boden zu fressen.

Mitten zwischen den Hirschen steht Thomas Tscherne und ruft die Zögerlichen, die lieber noch aus 50 Metern herüberschielen: "Geh Hirscherl! Jo! Jo, wos is denn?" Er schüttet Futterspuren in den Schnee, die die Hirsche wie ein Notausgangsleuchtsystem im Flugzeug beim Abfressen automatisch zu den menschlichen Besuchern lotsen.

150 Hirschleiber - gekleckste, schieferbraune Flecken auf der weißen Landschaftsleinwand. Es ist nicht leicht, ihre Wirkung in Worte zu fassen, diese unglaubliche Präsenz der gewaltigen Tiermasse, ohne wildbach-röhrerisch verklärt zu klingen. Teil eins des Hirsch-Effekts: Bäm, NATUR! Jawohl, Natur in Großbuchstaben, so mächtig und einschüchternd schön, wie man sie beim Whale Watching vor Kanadas Westküste oder auf einer Afrika-Safari empfindet (ein 16-Ender, der einem mit der Geweihspitze ins Bein pikst, kann es locker mit einem Löwen aufnehmen, der zehn Meter entfernt und desinteressiert im Schatten schlummert).

Gefunden in
Splendid
November 2015

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Teil zwei: das bisher unerlebte Gefühl, für eine kleine, besondere Weile Teil zu sein von einer Welt, die einem normalerweise verborgen ist, weil ihre Wesen sonst weggeduckt im Dickicht leben. Und dann, Teil drei: die meditative Energie, die von den Tieren ausgeht. Es ist eine stille Würde, die sich nur schwer beschreiben lässt. Man muss sie fühlen.

Seit 20 Jahren füttert der Hotelier die Hirsche

Beobachtet wird das Schauspiel von einer Holzbank aus, vorsichtig atmend, bloß nicht mit dem Anorak knistern. Man schaut den Hirschen, Hirschkühen und -kälbern zu, wie sie langsam aus dem Wald auf die verschneite Lichtung treten, ungerührt von dem Dutzend Fremder, die sie anstarren - das Futter lockt. Trotz der vielen Lagen Kleidung bahnt sich die Kälte ihren Weg in die Knochen.

Nur Thomas Tscherne, in Jägerjoppe und Walkstoffhose, mützenlos und mit bloßen Händen, fröstelt nicht mal. Mit beinahe Tai-Chi-haften Gesten bewegt er sich zwischen den Hirschen. Er genießt ihr Vertrauen, doch sie sind keine zahmen Zeichentricktiere. Geduldig ruft er -"Hirscherl! Hirscherl, wos is?" - nach dem Rest des Rudels. Eile hat er keine, schließlich wartet er seit 20 Jahren auf sie. So lange schon kommt der Hotelier im Winter täglich, um die Hirsche zu füttern.

Ihnen zumindest eine kleine Entschädigung anzubieten für die vielen Waldstücke und Lichtungen, von denen sie die Menschen im Angertal vertrieben haben, als sie Platz machen mussten für Skilifte und Pisten. Damit sie der Hunger nicht ins Tal treibt, wo sie zum Ärgernis werden könnten, füttert er die Tiere hier oben. So geht die Kurzform der Geschichte.

In ihren weniger sachlichen Schlenkern erzählt sie den Weg eines Besessenen. Eines Besessenen im besten Sinn, den eine Idee packt und nicht wieder loslässt. Heute fährt Tscherne auf dem Quad oder in seinem Hummer auf den Berg bei Bad Gastein - jahrelang ging er zu Fuß, weil es noch keine Zufahrt gab, drei oder vier Stunden durch manchmal brusthohen Schnee, jeden Tag, bei Fieber, mit Zahnschmerzen, kein Urlaub, keine Ausnahmen.

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