Freitag, 26. August 2016

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Unschöne neue Arbeitswelt Wie Work-Life-Blending unser Privatleben kaputt macht

Work-Life-Balance war gestern. Heute regiert Work-Life-Blending - ein Alptraum für die Familie

Work-Life-Balance ist out. Dafür kommt grenzloses Work-Life-Blending, ein fließendes Ineinander-Übergehen von Berufs- und Privatleben. Unternehmen schwärmen von dieser Idee, Forschungsinstitute wollen ganze Städte nach diesem Prinzip bauen und Politiker nicken brav. Aber wollen Menschen das wirklich? Und ist das ganze wirklich "alternativlos"?

Wohin man auch schaut, es wirkt wie eine beschlossene Sache: "Ehe wir uns versahen, war die Work-Life-Balance schon längst wieder von gestern. Heute regiert Work-Life-Blending: ein Zustand, in dem Arbeit und Freizeit miteinander verschmelzen." So sang beispielsweise die Wirtschaftswoche (vom 22.01.2016) das hohe Lied auf den nahtlosen Übergang von Berufs- und Privatleben: Berufliches wird auch nach Feierabend erledigt, den es dann eigentlich nicht mehr gibt. Gleichzeitig wird der berufliche Alltag - sofern es die Sachzwänge zulassen - an privaten Interessen ausgerichtet.

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebs-wirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt - von Personalmanagement bis Unternehmens-strategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch "Generation Z". Sein jüngstes Buch "Schizo-Wirtschaft" ist im Campus-Verlag erschienen.
Extrem sind Visionen wie die "Morgenstadt", die unter anderem von Hans-Jörg Bullinger - ebenfalls MeinungsMacher bei manager-magazin.de - propagiert wird. Vieles davon ist faszinierend: Städte, die Strom und Wärme selbst erzeugen, intelligente Verkehrslösungen und überall Gärten, die uns mit frischem Gemüse versorgen. Der einzige Haken an der Sache: nicht nur Kulturangebote, auch der Arbeitsplatz ist praktischerweise gleich mitintegriert. Das geht noch ein Stück weiter als bei Google Börsen-Chart zeigen, wo sich die Mitarbeiter schon zum gemeinsam Frühstück treffen (müssen) und vielleicht auch das Wochenende zusammen verbringen. Hier lebt man gemeinsam.

Da wirkt es noch vergleichsweise harmlos, wenn der Personalvorstand von Daimler sich für eine Lockerung der Arbeitszeitgesetze ausspricht: "Wir müssen die Regeln flexibilisieren und den heutigen Arbeitsgewohnheiten anpassen." Und auch Henkel-Vorstandschef Kasper Rorsted verkündete kurz vor seinem Wechsel zu Adidas Börsen-Chart zeigen, ihm sei es egal, wann und wo Mitarbeiter arbeiten. Wichtig sei nur, dass seine Mitarbeiter ihr vorgegebenes Arbeitspensum erledigen - unabhängig von Arbeitsort und Arbeitszeit.

So ziemliche alle Forschungsinstitute, Arbeitgeberverbände und Beratungsfirmen sind sich einig: An einem Work-Life-Blending führt kein Weg mehr vorbei. Unternehmen brauchen dieses Blending und Mitarbeiter werden mit dem Versprechen geködert, im Gegenzug etwas mehr Flexibilität zu bekommen - sofern es die betrieblichen Belange zulassen. Bei schönem Wetter und wenig Arbeit sitzt man also mit seinem Laptop im Straßenkaffee bei einem perfekten Latte Macchiato, dafür bei zusätzlichem Arbeitsaufkommen am Abend und am Wochenende im Büro oder im Home Office. Es klingt wie eine gute Lösung - bis der Chef um zwei Uhr nachts Mails schreibt und Antworten erwartet.

Work-Life-Blending: Die Problemlandkarte

Wenn das Beratungsunternehmen Von Rundstedt schreibt, "die Mehrheit der Deutschen bewertet die Verschmelzung von Arbeit und Privatleben noch kritisch", bestätigt dies einerseits zwar, dass aktuell nur eine Minderheit Work-Life-Blending gut findet. Konkret: 69 Prozent sind der Auffassung, dass sich hier die Arbeit gegenüber der Freizeit durchsetze. Andererseits signalisiert das Wörtchen "noch", dass es nicht mehr lange dauern wird, bis (angeblich) alle begeistert auf diesen Zug aufspringen werden.

Böse formuliert: Der Beruf vermischt sich völlig mit dem Privatleben. Wollen wir das wirklich? Und ist das überhaupt gut für die Unternehmen? Und für die Mitarbeiter?

Sicherlich gibt es überzeugte Workaholics, denen das nichts ausmacht und die so ihr Leben definieren. Aber gilt das wirklich für die Mehrzahl der Menschen? Work-Life-Blending passt allenfalls begrenzt in das Wertesystem der Generation Y (geboren etwa ab 1980), weshalb es auch meist mit dieser Generation in Verbindung gebracht wird. Diese Generation Y ist leistungsorientiert, will ihre Freizeit genießen und kann als Digital Native auch mit den modernen Kommunikationsmedien arbeiten. Hier kann man sich Work-Life-Blending zumindest eingeschränkt vorstellen.

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