Sonntag, 20. Mai 2018

Unschöne neue Arbeitswelt Wie Work-Life-Blending unser Privatleben kaputt macht

Work-Life-Balance war gestern. Heute regiert Work-Life-Blending - ein Alptraum für die Familie

2. Teil: Beruf und "betriebliche Belange" geben den Takt vor

Nach allem, was wir wissen, wird aber die Generation Z (geboren etwa ab 1990/1995) hier definitiv nicht mitspielen: Die Generation Z will klare Strukturen mit einem festen Zeitfenster für Arbeit und arbeitsfreien Abenden sowie Wochenenden. Natürlich möchte sie eine gewisse Flexibilität: Wenn die Handwerker kommen oder die Sonne scheint, dann ist Home-Office angesagt. Damit meint die Generation Z also ausschließlich die eigene Flexibilität und ganz sicher nicht die flexible Grenzziehung des spontanen "Blendings" durch das Unternehmen.

Nicht alle Menschen können mit der metastasenartigen Durchdringung des Privatlebens durch den Beruf leben. Das führt zu Gesundheitsproblemen, stört den guten Schlaf und stellt private Beziehungen auf dauerhaft dramatische Proben. Work-Life-Blending wird dann zum institutionalisierten Alptraum und "Vertrauensarbeitszeit" zum Synonym für "Zwang zur persönlichen Selbstausbeutung".

Selbst die Idee der kombinierten Arbeits- und Wohnstädte lässt sich diskutieren: Es ist nicht erkennbar, ob alle Mitarbeiter direkt in der Nähe ihrer Arbeit wohnen möchten und auch noch auf dem Balkon im Liegestuhl Fragen von Kollegen oder Chefs beantworten möchte, ganz zu schweigen davon, einen Spielfilm mal kurz zu unterbrechen, um an einem spontanen Meeting teilzunehmen oder einen aufgeregten Kunden zu besänftigen.

Vor allem aber ist das Blending einseitig: Im Kern geben immer Beruf und "betriebliche Belange" den Takt vor. Zudem ist es zwar zulässig, die Grillparty oder den Fernsehabend durch eine Anfrage vom Chef zu stören. Ob es aber der Chef wirklich toll findet, wenn im Gegenzug seine Mitarbeiter im Büro permanent auf Whatsapp aktiv sind oder auf Facebook Börsen-Chart zeigen, YouTube oder 9GAG (Online-Plattform für "lustige" Bilder und Videos) herumsurfen? Das Konzept wird dementsprechend nur einseitig genutzt und führt zu einer Belegschaft mit permanentem Bereitschaftsdienst ohne Ruhezeiten.

Und dann noch ein betriebswirtschaftliches Argument: Soweit erkennbar, gibt es keine Studien, die belegen, dass die individuelle Arbeitsleistung durch eine immer weitergetriebene Vermischung von Berufs- und Privatleben gesteigert wird. Im Gegensatz dazu gibt es durchaus Vorteile, die durch bewusstes und echtes Abschalten entstehen.

Abgesehen vom potenziell überschätzen Zaubertrank "Flexibilität" spricht letztlich überhaupt nichts für Work-Life-Blending, womit wir eine absolut groteske Situation haben: Immer mehr Unternehmen glauben an die verlockenden Zauberformeln des "Work-Life-Blending" und hängen mit begeistertem Blick an den Lippen der Berater und Forscher, die ihnen diese versprechen.

Aber was wird passieren, wenn die Mitarbeiter nicht bereit sind, in dieser schönen, neuen "verblendeten" Arbeitswelt mitzuspielen? Und wenn beispielsweise die Generation Z sich von Arbeitgebern fernhält, die explizit oder implizit von einem Work-Life-Blending ausgehen und ganz erstaunt sind, wenn magische Worte wie "wir haben ein flexibles Arbeitszeitsystem" plötzlich nicht mehr ziehen?

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH