Freitag, 27. April 2018

Der lange Weg zum Happy End Warum gutes Altern in jungen Jahren beginnt

Graue Haare: Warum Silber goldrichtig ist
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Wie altert man in Würde? Um diese Frage machen Philosophen gern einen Bogen - bis sie selbst alt sind. Dabei beginnt gutes Altern bereits in jüngeren Jahren.

Hohe Luft
Ausgabe 2/2018

Philosophie und Wirtschaft

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"Was würde Jesus tun?", ist eine Frage, die sich in kritischen Lebenslagen nicht nur religiöse Menschen stellen. Das geht aber leider nur bis Mitte 30. Dann wurde Jesus gekreuzigt. Für die allermeisten Menschen ist das keine Option. Klar, das Leben geht weiter, viele der spannendsten Dinge kommen erst noch, aber es fehlt das Konzept. Von nun an scheint es bergab zu gehen. Wie also altert man in Würde? Um diese Frage machen Philosophen gern einen Bogen - bis sie selbst alt sind. Dabei beginnt gutes Altern bereits in jüngeren Jahren.


Der Körper ist von Jahr zu Jahr weniger straff, der Geist weniger scharf, überhaupt scheint alles weniger zu werden, bis nur noch ein ferner Abglanz der strahlenden Jugend bleibt. "Alt sein", das will niemand. Junge Leute werden von Personalchefs und Sexualpartnern bevorzugt, und auf den wenigsten Werbeplakaten prangen Falten und graue Haare. Andererseits ist Jungbleiben auch kein attraktiver Plan. Es gibt kaum eine peinlichere Erscheinung als den ewigen Hipster.

Sein Lob des Alters legt Cicero in "De Senectute" einem anderen in den Mund: Cato dem Älteren, der im 2. Jahrhundert vor Christus in Rom als vorbildlicher Bürger und Familienvater galt - ein sozialer Held, sittenstreng und tugendhaft. Dieser Cato also, so erzählt Cicero, trägt die Lasten des Alters mit dem Gleichmut der Stoiker, zur Verwunderung seiner Freunde. Sie fragen, wie er damit klarkommt: mit dem nachlassenden Tatendrang, der erschlaffenden Körperkraft, den schwindenden Genüssen und dem nahenden Tod?

Cato geht der Reihe nach auf die Einwände ein: Der Tatendrang lasse nicht nach, sondern wandele sich nur; physische Kraft habe man im Alter nicht mehr nötig; die Befreiung von sinnlichen Genüssen sei ein Segen; und die Aussicht auf den Tod hänge sowieso über dem Leben, in jedem Alter. Cato (oder eigentlich Cicero) vergleicht den alten Menschen mit dem Steuermann eines Schiffs, der mit kleinen Handbewegungen den Kurs bestimmt. Er beklagt nicht, dass er nicht mehr in die Wanten steigen kann. Er braucht es nicht mehr.

Worum geht es im Alter? Welche Werte werden wichtig?

Von Cicero bis heute immer wieder das gleiche Spiel: Mit dem Nahen der Pensionsgrenze kommt fast jeder Philosoph ins Grübeln über das Altern. Allerdings sind es nicht immer die tiefsten Gedanken, zu denen die alternden Denker finden. Odo Marquard (1928-2015) zum Beispiel deutet den Lebenswandel älterer Menschen in seinem späten Aufsatz "Zeit und Endlichkeit" als Fortsetzung des kleinkindlichen Daseins. So wie sich Kinder in einer für sie undurchschaubaren Welt das Gefühl der Sicherheit verschaffen, indem sie ihre Teddybären als "Übergangsobjekte" (diesen Begriff prägte der englische Kinderpsychoanalytiker Donald Winnicott) mit sich herumtragen, so finden ältere Menschen mit etwas raffinierteren Kuscheltieren zu Vertrautheit: Nostalgie, Tradition, klassischer Bildung, Naturverbundenheit, langjährigen Freundschaften.

Wie also altert man in Würde?
Es scheint, als würde sich diese Frage gerade in einer Gesellschaft, die rapide altert und dabei fest im Jugendwahn gefangen bleibt, besonders aufdrängen. Tatsächlich aber erschien das klassische Werk dazu schon vor zwei Jahrtausenden: „De Senectute“ von Cicero. Schon damals mussten sich Cicero und andere Senioren fragen, woher sie in einer weithin gering geschätzten Lebensphase ihren Selbstwert ziehen sollen.

Ist das fair? Ist die Orientierung älterer Menschen auf Beständiges wirklich nur ein Rückfall ins Kleinkindliche? Man kann sie auch wohlwollender deuten. Die amerikanische Ethikerin Margaret Urban Walker hat das Konzept der "lateralen Integration" als Merkmal eines gelingenden Lebens entwickelt, als Gegenmodell zum herrschenden Denken in Karrieren und schlüssigen Biografien. Walker wollte ein Lebensmodell schaffen, das "keinen letztlich unerfüllbaren Anspruch von Leistung und Fortschritt" impliziert. Stattdessen fußt laterale Integration auf "zentralen Einsichten, Aufgaben, Freuden, Erfahrungen und Bindungen", die uns in den verschiedenen Etappen unseres Lebensweges etwas bedeuten. Sie müssen nicht auf ein übergreifendes Ziel gerichtet sein, sich zu keinem großen Narrativ zusammenfügen. Sie stehen für sich: als Orte, die wir aufsuchen, um dann weiterzuziehen.

Manchem Sinnsucher mag Margaret Urban Walkers Vorschlag zu bescheiden sein. Aber er gibt einen wichtigen Fingerzeig darauf, wie ein geglücktes Leben im Alter aussehen kann. Es geht nicht darum, sich neue Ziele zu suchen, nicht darum, die eigene Geschichte buchstäblich bis zum Umfallen weiterzuschreiben, sondern darum, sich von der Zielsuche zu lösen und befreit in den Augenblick zurückzufinden. In gewisser Weise ist das tatsächlich eine Rückkehr ins Kindliche, aber viel wesentlicher sind die Unterschiede zwischen der frühen und der späten Lebensphase. Eine geglückte Kindheit ist der Start in ein gutes Leben. Ein geglücktes Alter ist das Ziel.

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