Samstag, 21. Oktober 2017

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Dax-Geflüster Wenn zu viel Geld zur Bedrohung wird

New Jersey unter Wasser: Das Geschäft mit der Katastrophe lockt immer mehr Investorengelder an. Die Folge: die Preise für Rückversicherungsschutz sinken

Investoren pumpen immer mehr Geld in den Milliardenmarkt für verbriefte Versicherungsrisiken. Die Geldschwemme - losgelöst durch Notenbanken und Spekulanten - bedroht das Geschäftsmodell der Rückversicherer. Die Branche sucht Auswege.

Hamburg - Gewagte Engagements am Kapitalmarkt sind ihre Sache nicht, das verbietet ihr Geschäftsmodell. Im Katastrophenfall sollen Rückversicherer der letzte Anker sein: Sie sollen große Risiken abfedern, selbst aber keines darstellen oder eingehen. Das limitiert ihre eigenen Chancen am Kapitalmarkt. Wenn dann Wettbewerber mit viel Geld im klassischen Geschäft wildern und die Preise drücken, könnte das zum Problem werden.

Der im Dax notierte Rückversicherer Munich Re und der im MDax gelistete Versicherer Hannover Rück Börsen-Chart zeigen zeigten sich zu Beginn dieser Woche in Monte Carlo dennoch zuversichtlich: Trotz des Drucks auf die Margen in einzelnen Segmenten und Regionen sind sie optimistisch, Preise und Bedingungen in den Verhandlungen mit den Erstversicherern halbwegs stabil halten zu können.

Analysten von Standard & Poor's dagegen beurteilen die Perspektiven der Branche skeptisch. Zwar haben sie ihren Ausblick für die Rückversicherer mit "stabil" bestätigt. Branchenfremde Investoren drohten aber mit viel Kapital die Preise im Kerngeschäft zu ruinieren.

Wegen des Überangebots dürften die Preise vor allem bei Katastrophendeckungen in den USA weiter fallen, sagen die Experten voraus. Hier zahlten Erstversicherer schon im Juli bis zu 20 Prozent weniger, obwohl die Rückversicherer das Jahr 2012 als das drittschlimmste aller Zeiten bezeichneten. Das sind schlechte Nachrichten für Munich Re und Hannover Rück.

Wettbewerber drohen Preise im Kerngeschäft zu ruinieren

Dabei sind Großschäden eigentlich ein gutes Argument, die Preise anzuheben. Offenbar ließen der Wettbewerb und die Geldschwemme bislang aber keine höheren Prämien zu. Mancher Beobachter raunt jetzt, wenn die Erstversicherer in diesem Jahr nicht noch ein veritabler Großschaden ereile, werde der Druck auf die Rückversicherungspreise zum 1. Januar 2014 noch zunehmen.

Das Problem: Mit rund 388 Milliarden Euro Eigenkapital schwimmen die 40 größten Rückversicherer geradezu in Geld, um Risiken zu schultern. Allein die zwei Dutzend Anbieter, die S&P beobachtet, hätten derzeit gut 34 Milliarden Dollar mehr Kapital, als sie für ihre jeweilige Bonitätsnote eigentlich benötigen.

Zudem bündeln große Erstversicherer ihre Risiken verstärkt in Paketen, die sie mit hohen Zinsen verbrieft an den Kapitalmarkt weiterreichen, anstatt sie beim Rückversicherer abzusichern. Auf der Jagd nach Rendite greifen institutionelle Investoren wie Hedgefonds und Pensionskassen zu. Sie zeichnen Katastrophenbonds oder stellen über verbriefte Versicherungsrisiken (Inusrance Linked Securities; ILS) dem Markt zusätzliches Kapital zur Verfügung. Diese Papiere werfen bis zu 17 Prozent Rendite ab, bergen im Schadensfall aber das Risiko des Totalausfalls. Kritiker warnen, sehen Risiken aufziehen wie zu Beginn der Bankenkrise, als massenhaft verbriefte Kreditpapiere erst die Institute und dann die Finanzmärkte in eine Systemkrise stürzten.

Im Ergebnis steht jedenfalls deutlich mehr Kapital zur Deckung von Versicherungsrisiken zur Verfügung, das auf eine stagnierende Nachfrage stößt. Das drückt die Preise und Margen. Der Preisabschwung im Kerngeschäft und fallende Kapitalmarkterträge der Rückversicherer würden letztlich auf die Gewinne der Branche durchschlagen, sagt S&P voraus. Die Experten erwarten, dass die Eigenkapitalrendite im Branchenschnitt von 14,4 Prozent Ende 2012 auf 11,8 Prozent im laufenden Jahr sinkt und in 2014 sogar auf 7,6 Prozent abrutschen werde.

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