Donnerstag, 25. August 2016

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Manager-Training Nicht Schach lernen, sondern vom Schach

Inspirationsquelle Schach: Auch Manager können vom "Spiel der Könige" lernen

Läufer als Vorbild für Manager, klar. Aber Schachspieler? Natürlich, findet Schachgroßmeister Stefan Kindermann. Und erklärt gegenüber manager magazin online, warum.

mm: Schach als Vorbild für Entscheider - was bringt das im Vergleich zu anderen Vorbildern, zum Beispiel Ausdauersport?

Kindermann: Profischach gehört zu den emotional anspruchsvollsten Sportarten - auf einer Ebene mit Formel-1-Fahren oder Boxen, das ist wissenschaftlich klar belegt. Während an der sichtbaren Oberfläche Ruhe herrscht, tobt innerlich ein Sturm. Die Körper der Spieler reagieren wie in einem Kampf auf Leben und Tod: Der Puls steigt über 180, unter dem Hemd rinnt der Schweiß in Strömen. Immer wieder müssen unter starkem Zeitdruck und Stress Entscheidungen getroffen werden, die über den Ausgang der Partie, den Sieg im Turnier oder die Qualifikation zur Weltmeisterschaft und eine ganze Karriere entscheiden. Ein einziger Fehlgriff nach 40 genialen Zügen lässt eine großartige Konstruktion zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Unter diesen extremen Bedingungen lösen die Schachgroßmeister Probleme höchster Komplexität. Dies spiegelt sehr gut die typischen Herausforderungen im modernen Management wieder.

mm: Aber - muss es wirklich Spitzenschach sein, also eine Leistungsklasse, die Ottonormalspielern fremd sein dürfte?

Kindermann: Das Besondere am Denken der Großmeister ist, dass sie trotz einer unüberschaubaren Vielzahl an Möglichkeiten, nur zum kleinen Teil vorhersehbarer Konsequenzen und im Lichte des Ungewissen schnelle und mutige Urteile und Entscheidungen treffen müssen. Wichtig ist, dass ihnen dieser Umstand stets bewusst bleibt und sie, sobald die neu entstandene Situation und neu gewonnene Informationen es nahe legen, jederzeit zu einer flexiblen Anpassung bereit sind. Notfalls werfen sie den Plan auch gänzlich und ohne falsche Sentimentalität über Bord. Professor Robert von Weizsäcker vergleicht das sehr schön mit einem mühselig gebauten Segelschiff aus Streichhölzern, das man mit einem Schlag zerstört, ohne ihm nachzutrauern. Diese offene und flexible Haltung ist noch weit wichtiger als jede formale Struktur!

mm: Klingt rabiater als man es Schach gemeinhin zutraut.

Kindermann: Ein ganz zentraler Punkt für meisterliches Planen und Entscheiden ist die richtige Kombination von Ratio und Intuition. Der Intuition wird im Königsplan eine sehr wichtige Rolle eingeräumt, grundsätzlich steht sie am Anfang und Ende jeder Planung. Denn die unvorstellbare Anzahl der Möglichkeiten im Schach sprengt die Grenzen jedes rechnerisch-rationalen Zugriffs. Man schätzt, dass es weit mehr mögliche Positionen im Schach als Atome im bekannten Weltall gibt. Gleichzeitig wird die Intuition aber in eine rationale Struktur eingebettet, die sie kritisch prüft, vor intuitiven Fehlern schützt und die Intuition immer wieder an kritische Punkte heranführt.

Eine weitere entscheidende Voraussetzung für jeden kreativen Prozess stellt die Kunst des Perspektivwechsels, also die Fähigkeit dar, eine Lage bzw. Problem aus verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten und zu analysieren. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, sich auch in die Position des Gegenübers zu versetzen, um dessen Absichten zu verstehen und sich bestmöglich darauf einzustellen. Eben dies wird in unserem Modell gezielt trainiert.

mm: Gerade Ausdauersport wie Laufen ist populär unter Entscheidern - wie sieht es bei Schach aus?

Kindermann: Ja, zum einen gibt es einige Beispiele ehemaliger Schachprofis, die später sehr erfolgreiche Wirtschaftskarrieren eingeschlagen haben, wie zum Beispiel Ken Rogoff, der nach seiner Schachkarriere Ökonomie-Professor in Yale und Harvard und später Präsident des Internationalen Währungsfonds wurde. Umgekehrt gibt es eine ganze Reihe von Führungskräften, die starke und begeistere Schachspieler sind, so zum Beispiel der Finanzchef der Deutschen Bahn Richard Lutz oder natürlich Peer Steinbrück. Sie alle betonen, wie sehr sie das schachliche Denken geprägt und ihnen die Fähigkeit gegeben hat, einige Züge im Voraus zu denken.

mm: Schützt eine entsprechende Strategie auch vor psychologischen Folgen, wie sie zum Beispiel an der Börse ("Behaviorismus") oft gemacht werden?

Kindermann: Ja, die erste der sieben Stufen unseres Modells Königsplan ist genau diesem zentralen Thema gewidmet: Wie kann ich mich innerlich optimal auf kritische Herausforderungen einstellen und wie gehe ich mit starken, zunächst als negativ erlebten Gefühlen um. Ziel ist es, die eigenen emotionalen Kräfte richtig zu nutzen und sich im Mentalbild als Surfer auf den eigenen Gefühlswogen zu erleben.

mm: Wie "greifbar" ist so eine Strategie? Sprich, ist sie konkret nutzbar oder eher als vager Ratschlag im Sinn eines "Die Kunst der Krieges" zu verstehen?

Kindermann: Das Modell Königsplan enthält eine ganze Reihe modular aufgebauter Planungswerkzeuge, die auf jedes konkrete Szenario angewandt werden können, bei dem es um die Lösung komplexer Aufgaben geht. Ratgeber wie die "Kunst des Krieges" empfinde ich auch als viel zu schwammig, zudem fehlen hier jegliche ethische Werte.

mm: Muss man Schach spielen können, um der Strategie zu folgen?

Kindermann: Nein, es ist ja gerade der Sinn des Königsplans, auch Schachlaien und Nichtschachspielern die besten Strategien der Schachgroßmeister, die in 1500 Jahren immer weiter entwickelt und verfeinert wurden, zugänglich zu machen.

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