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21. Dezember 2012, 07:30 Uhr

Dividenden

"An der Aktie führt kein Weg vorbei"

Von Lutz Reiche

Die 30 Dax-Konzerne werden für 2012 mehr als 28 Milliarden Euro Dividende ausschütten. Die Dividendenrendite im Dax lässt viele andere Anlageformen hinter sich. Trotz aller Risiken gilt auch 2013: Wer sein Geld vor Inflation schützen will, kommt an der Aktie nicht vorbei.

Hamburg - 1200 Punkte steiler Anstieg bis Mitte März, dann 1200 Punkte tiefer Fall bis Anfang Juni, heiße Achterbahnfahrt im Sommer, nervöses Auf und Ab auch bis Mitte November - die Zitterkurve des Dax hat in diesem Jahr vielen Anlegern den Schweiß auf die Stirn getrieben. Aber das Aktienjahr geht dank des Schlussspurts gut aus, so gut wie lange nicht mehr.

Die verbleibenden Handelstage werden die Jahresbilanz kaum noch trüben, Investoren haben ihre Bücher weitgehend geschlossen. Aktienstrategen wie Andreas Hürkamp von der Commerzbank sprechen von einer "sensationellen" Bilanz: Rund 30 Prozent hat der Dax seit Jahresbeginn zugelegt, auf 35 Prozent bringt es der Nebenwerteindex MDax . Dax und MDax lassen damit Dow Jones , EuroStoxx 50 oder Nikkei klar hinter sich.

Damit nicht genug. Im Frühjahr 2013 werden die größten deutschen Konzerne den Durchhaltewillen ihrer Aktionäre reichlich belohnen. Zwar setzt neben der Commerzbank nun auch ThyssenKrupp seine Anteilseigner auf Nulldiät. Dafür werden 28 der 30 Konzerne aber mindestens 28 Milliarden Euro Dividende ausschütten, rechnet Hürkamp vor. Lediglich im Jahr 2007 zeigten sich die Konzerne mit 29,4 Milliarden Euro großzügiger.

Hohe Ausschüttungen allein sind noch kein Qualitätsausweis

Mit Ausnahme der Deutschen Telekom , die mehr als sieben Milliarden Euro allein auf ihre US-Mobilfunktochter abschreiben muss und 2012 mit einem dicken Nettoverlust abschließen wird, können sich die Konzerne die hohen Ausschüttungen auch leisten. Zwar haben Analysten ihre Gewinnschätzungen für die 30 Dax-Dickschiffe zuletzt gesenkt. Mit gut 70 Milliarden Euro würden die Unternehmen aber immer noch ein Gewinnplus von mehr als 15 Prozent in diesem Jahr erwirtschaften.

Einzelne Unternehmen wie Eon und RWE wollen laut Geschäftsbericht die Hälfte oder mehr ihres erwarteten Konzerngewinns auskehren, was ihre Dividendenrenditen in die Höhe schraubt. Eon (7,7 Prozent), RWE (6,4 Prozent) und Deutsche Telekom (8,2 Prozent) führen dabei die Liste der Dividendenkönige an. (Stand: 14. Dezember)

Doch ein Qualitätsausweis an sich ist das noch nicht. Hohe Gewinnausschüttungen sollten mit steigenden Gewinnen und steigenden Aktienkursen einhergehen - denn als Verhältnis zwischen Dividende und Kurs klettert die Dividendenrendite auch, wenn der Kurs einer Aktie stärker fällt als die Dividende. Von solchen optisch attraktiven Aktien sollten Anleger die Finger lassen.

Dividenden können auch lediglich ein Trostplaster sein: Mit hohen Ausschüttungen versuchen derzeit Konzerne wie Telekom, Eon und RWE, deren Kurs auf Fünf-Jahressicht tief im Minus liegt, ihre Aktionäre bei Laune zu halten. Die Firmen haben zudem mehr als andere mit hoher Konkurrenz (Deutsche Börse, Telekom) und tiefgreifenden Umwälzungen (Eon und RWE) zu kämpfen.

Im Gegensatz etwa zu Volkswagen , BMW oder BASF schafften sie es auch nicht, einen nennenswerten Erlösanteil jenseits der Euro-Zone aufzubauen, sagt Hürkamp. Ihre Chancen, am globalen Wachstum zu profitieren und künftig stabile oder höhere Dividenden zu zahlen, seien daher geringer.

Dividendenrenditen schlagen viele Unternehmensbonds

Im Schnitt bringen es die 30 Dax-Konzerne in diesem Jahr auf eine Dividendenrendite von mehr als 3 Prozent (Stand 14. Dezember). Das mutet nicht gerade berauschend an. Es ist aber ein Vielfaches von dem, was sich derzeit mit Tagesgeld oder anderen Kurzfristeinlagen erzielen lässt. Auch die zehnjährige Bundesanleihe wirft derzeit gerade mal 1,4 Prozent Rendite ab.

Daher führt kein Weg an der Aktie vorbei, sagen viele Analysten. Zumal auch Unternehmensanleihen mit guter bis sehr guter Bonität zusehends weniger Rendite einspielen. Weil Investoren sie im abgelaufenen Jahr als sichere Alternative interpretierten und stark nachfragten, mussten die europäischen Konzerne ihnen deutlich weniger Zinsen zahlen. Im Schnitt 3,4 Prozent und damit gut einen Prozentpunkt weniger als 2011, stellt die Royal Bank of Scotland fest.

Deutsche Unternehmen, deren Bonds als besonders sicher gelten, zahlten für ihre Schuldpapiere durchschnittlich nur noch 2,5 Prozent Zinsen. Mit neu aufgelegten, fünf Jahre laufenden Anleihen zahlreicher Dax-30-Konzerne fährt der Anleger inzwischen kaum mehr als 1 Prozent Rendite ein - nach Abzug der Inflationsrate ist das ebenso ein Verlustgeschäft wie mit niedrig verzinsten Tagesgeldkonten.

"Wer mit Unternehmensanleihen im kommenden Jahr Geld verdienen will, muss deutlich stärker ins Risiko gehen", sagt Hürkamp. Will sagen: Attraktive Renditen dürften sich wohl nur noch mit Papieren erzielen lassen, die einen niedrigeren Investmentgrade aufweisen.

Viele Deutsche gehen beim Börsenboom leer aus

Fest steht: Die Kursperformance und Dividendenrendite des Dax machen das Jahr 2012 zum Jahr der Aktie. An vielen Privathaushalten in Deutschland dürfte indes auch dieses gute Börsenjahr vorbeigezogen sein.

Zwar hat sich im ersten Halbjahr die Zahl der Menschen, die direkt oder über Investmentfonds indirekt in Aktien investiert sind auf 10,15 Millionen (15,7 Prozent der Bevölkerung) erhöht, berichtet das Deutsche Aktieninstitut. Gut 1,5 Millionen von ihnen sind jedoch Belegschaftsaktionäre, deren Zahl auch überproportional stark gestiegen ist. Zudem liegt die Zahl der Aktionäre mit gut zehn Millionen noch mehr als 20 Prozent vom Höchststand 2001 entfernt.

Laut Statistik der Bundesbank haben deutsche Privathaushalte einen Großteil ihres Geldvermögens in Höhe von 4811 Milliarden Euro in Lebensversicherungen, Pensionskassen und berufständischen Versorgungswerken (total 1727 Milliarden) angelegt. Das Geld steckt auch in Termin- und Spareinlagen, Sparbriefen sowie festverzinslichen Wertpapieren (total 1224 Milliarden), deren Zinsen seit Ausbruch der Finanzkrise kontinuierlich gesunken sind.

Zudem horten die Menschen 993 Milliarden Bargeld, das sich überhaupt nicht verzinst. In Aktien waren die Haushalte lediglich mit 229 Milliarden Euro investiert.

"Aktie gewinnt für Altersvorsorge an Gewicht"

Es mag unvernünftig wirken, wenn die meisten Deutschen ihr Geld auf schwach verzinsten Konten horten und damit reale Vermögensverluste erleiden. Dass sie diese dennoch hinnehmen, erklärt der Deutsche Bankenverband mit der hohen Präferenz der Menschen, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten und niedrigster Zinsen liquide zu bleiben. Sicherheit und Verfügbarkeit des Geldes hätten eindeutig Vorrang gegenüber Renditechancen.

Für die anhaltende Risikoaversion der Anleger in Deutschland - zwei Drittel sehen sich laut Umfragen selbst als "wenig risikofreudig" - bringt Hürkamp Verständnis auf. "Wenn Sie sich vor zwölf Jahren deutsche Aktien kauften, haben Sie kaum etwas verdient, sich dafür aber eine hohe Volatilität ins Depot geholt."

Deshalb hätten sich viele Investoren von der Aktie verabschiedet. Auf Sicherheit bedachte institutionelle Anleger wie Versicherer agieren kaum anders. Ihr Aktienteil liegt unter 3 Prozent im Schnitt. Das trägt dazu bei, dass die Gutschriften für Lebensversicherte kontinuierlich sinken.

Auch vor diesem Hintergrund betonen Aktienbefürworter aktuell wieder, wie unverzichtbar Dividendenpapiere für die Vermögensbildung seien. "An Aktien führt kein Weg vorbei", ist Thomas Liebi, Chefökonom der Schweizer Fondsgesellschaft Swisscanto, überzeugt,. "Ich glaube, dass die Aktie mittelfristig für die Altersvorsorge ein höheres Gewicht gewinnen wird, weil eine nachhaltige Erholung der Zinsen nicht so schnell zu erwarten ist", sagt Hürkamp.

"Einzige Anlageform mit Aussicht auf attraktive laufende Ausschüttung"

"Die Aktie bietet im aktuellen Kapitalmarktumfeld als praktisch einzige Anlageform die Aussicht auf eine attraktive laufende Ausschüttung", ergänzt Franz Josef-Leven vom Deutschen Aktieninstitut.

Über das künftige Zinsniveau lässt sich jedoch streiten. Während ein Teil der Experten steigende Zinsen erwartet, interpretieren andere Niedrigzinsen als Dauerzustand, an den wir uns gewöhnen müssten. Womöglich behalten letztere Recht. Denn die Verlockung für viele Staaten, sich über negative Realrenditen billig zu entschulden, ist groß. Um so mehr sollte der Anleger für die Vermögensbildung auch die langfristige Entwicklung einbeziehen.

Trotz der heftigen Rückschläge der vergangenen Dekade hat der Dax die letzten 40 Jahre im Jahresschnitt rund 8 Prozent zugelegt. Gut 2,5 Prozentpunkte trugen dazu die Dividenden bei, sagt Hürkamp.

Wenn man den aktuellen Prognosen vieler Analysten folgt, sollten 8 Prozent Plus auch im Jahr 2013 möglich sein. Die Commerzbank gibt für den Dax sogar ein Kursziel von 8500 Punkten aus, bei deutlich niedrigeren Kursschwankungen als in diesem Jahr. Hürkamp verknüpft damit die Hoffnung, dass dann auch mehr deutsche Anleger an den Aktienmarkt zurückfinden.

Doch es gibt auch Warnsignale. Vorstände und Aufsichtsräte der Dax-Konzerne haben in den vergangenen Wochen kaum noch Aktien ihres Unternehmens gekauft - sondern tendenziell eher verkauft. Die Aktien-Skeptiker sitzen also auch in der ersten Reihe.


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