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23. November 2012, 13:33 Uhr

Quartalsberichte

Geplapper der Märkte

Von Arne Gottschalck

Vierteljährlich fluten börsennotierte Unternehmen die Märkte mit Zahlen, um den Gesetzen zu genügen und um ihre Investoren zu informieren. Doch in der Flut gehen viele Informationen unter. Keine gute Entwicklung für die Börse.

Hamburg - Alle Quartale wieder legen im Dax notierte Unternehmen ihre Zahlen vor. Sie erklären, wie hoch ihre Gewinne waren und wie sie in die Zukunft blicken. So sollen die Investoren sachlich informiert werden. Doch immer mehr Investoren winken ab - und sie erhalten Rückendeckung. Die Fondsgesellschaft Standard Life Investments (SLI) zum Beispiel sieht in Quartalszahlen nur eine "Ablenkung, die das Management der Unternehmen hindert, sich auf die langfristige Strategie zu konzentrieren."

Eine aktuelle Studie stützt diese Auffassung. Kirchhoff Consult und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) haben die Dax-30-Unternehmen auf die Aussagekraft der vorgelegten Zahlen untersucht. Das Ergebnis war eher durchwachsen.

Untersucht wurden vor allem die Aussagen der Unternehmen zum erwarteten Geschäftsverlauf. "Immer weniger Konzerne geben in ihren Geschäftsberichten konkrete Umsatz- und Ergebnisprognosen ab", heißt es in dem Papier. Statt Transparenz wird also eher Mattglas geliefert. Entsprechend wird gerätselt.

"Ausblicke sind komplex", sagt auf Nachfrage Frances Hudson, die bei SLI Investmentdirektor ist: "Wenn Unternehmen schmallippig mit ihrem Ausblick sind, kann das auch an Dingen liegen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, oftmals an politischen Gründen."

Und trotz dieser Unzulänglichkeiten überschätzen viele Menschen den Wert des Datenflusses, schreibt John Kay. Kay ist Professor für Wirtschaftswissenschaften unter anderem an der Universität von Oxford und wurde vom britischen Wirtschaftsminister Vince Cable gebeten, den Zusammenhang zwischen Real- und Finanzwirtschaft in Großbritannien zu analysieren.

"Daten sind keine Informationen, Informationen sind kein Wissen, Wissen ist kein Verständnis und Verständnis ist keine Weisheit", schreibt er in seinem Bericht und zitiert aus dem Buch "Nothing to hide" von Clifford Stoll und Gary Schubert. Viele der Daten seien einfach nur Lärm, auch wenn man immer versuche, Bedeutung hineinzuinterpretieren.

Viele Investoren schalten auf Durchzug

Unter professionellen Anlegern, so lässt sich beobachten, hat man zwei unterschiedliche Schlussfolgerungen aus dieser Entwicklung gezogen. Die eine Gruppe versucht noch immer, die Aktien der einzelnen Unternehmen zu analysieren und nutzt dazu auch die Quartalszahlen. Das kann klappen, wie zum Beispiel Warren Buffett immer wieder vormacht. Es muss aber nicht. Die andere Gruppe lässt die Zahlen der einzelnen Unternehmen links liegen und bildet einfach nur den Index ab. Als Zertifikat, also einer Art Anleihe, oder auch als Exchange Traded Fund (ETF), eine Fondsart. In einigen Fällen geschieht das durch Kauf der Aktien, die im Index notiert sind.

Oft wird der Index künstlich nachgebildet, so dass das Finanzprodukt die gleiche Wertentwicklung wie zum Beispiel der Dax aufweist. Auf den ersten Blick können beide Wege zum Anlageerfolg führen. Doch ein weiterer Blick zeigt, dass beide Gruppen unter der skizzierten Entwicklung leiden - zum Nachteil des Kapitalmarkts selbst.

Im Idealfall belohnen Investoren Aktiengesellschaften für gute Unternehmensführung und bestrafen sie für schlechte - indem sie deren Aktien kaufen beziehungsweise verkaufen. Kommt eine Mehrzahl solcher Investoren zum Ergebnis, dass eine Firma gut wirtschaftet, lassen die Kauforder deren Aktien steigen. Dadurch steigt deren Eigenkapitalquote, was in Zeiten skeptischer Banken ein Vorteil ist. Für Unternehmen gibt es daher einen Anreiz, so gut wie möglich zu arbeiten.

Quartalszahlen sagen nichts über die langfristige Strategie aus

Aktive Investoren wie zum Beispiel Warren Buffett machen das mit Erfolg. Passiven Investoren ist der Weg zu komplex, zu risikobehaftet; sie kaufen statt dessen beispielsweise den gesamten Dax ohne Ansehen von Gewinnern oder Verlierern. Damit investieren anteilig in alle darin notierten Unternehmen - und stärken deren Eigenkapitalbasis anteilig.

Wird der Index gar künstlich nachgebildet, muss nicht einmal ein deutsches Unternehmen profitieren - es kann eines aus Japan sein, dessen Zahlungsströme denen eines deutschen gleichen. Dem Privatanleger ist es egal, denn er erhält das gewünschte Dax-Investment. Doch den deutschen Unternehmen geht so potentielles Eigenkapital verloren. Passive Investoren tragen also dazu bei, eine fundamentale Funktion des Finanzmarktes zu verwässern, die Versorgung von Unternehmen mit Eigenkapital.

Doch auch aktive Investoren werden durch die Entwicklung vor Probleme gestellt - und reagieren nicht immer hilfreich fürs Marktgefüge. Denn die Überfülle an Daten steigert die Gefahr, kurzfristigem Denken zu erliegen. Und das, so Kay, sei ein Problem für den Aktienmarkt.

Ändern dürfte sich daran nichts. Kein Wunder also, wenn Andreas Utermann, der die Anlagestrategie von Allianz Global Investors weltweit verantwortet, prophezeit: "Die Volatilität an den Aktienmärkten dürfte an den politisch getriebenen Märkten auch 2013 hoch bleiben."

Studien-Autor Kay regt daher an, die Pflicht zur Vorlage von Quartalszahlen kurzerhand abzuschaffen.


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