Freitag, 21. Juli 2017

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Querdenken Überzeugung oder Egotuning?

Denken: In einer Dimension allein geht es nicht voran
Mathematikum Gießen / Rolf K. Wegst
Denken: In einer Dimension allein geht es nicht voran

Querdenken ist schneller gesagt als getan. Denn was verbirgt sich dahinter? Die Managementberater Anja Förster und Peter Kreuz erklären, wie es geht - und was es bringt.

mm: Mainstream - was ist das?

Förster: Eine Idee ist immer dann Mainstream, wenn sie keinen Millimeter von der Norm abweicht. Das Problem des Mainstreams ist, dass nichts Neues dort entsteht. Ohne Abweichung von der Norm ist kein Fortschritt möglich. Wir brauchen also Selberdenker, die interessante Ideen jenseits des Mainstreams entwickeln und vorantreiben.

Kreuz: In der Unternehmenspraxis bedeutet das aber noch lange nicht, dass es auch erwünscht und karriereförderlich wäre. Wer eine Meinung vertritt, die von der herrschenden Norm abweicht, ist sehr schnell einsam. Der Mehrheit ist allerdings nicht bewusst, dass sie dem Querdenker eigentlich dankbar sein sollte. Denn die abweichende Meinung ist auch dann nützlich, wenn sie falsch ist, denn Querdenker erhöhen die Qualität der Entscheidung. Geradezu verrückt ist, dass viele Unternehmen Ideenreichtum fordern, tatsächlich aber Anpassung belohnen.

mm: Wie soll man es bewerkstelligen, dass Abweichen vom Mainstream sich quasi ergibt, nicht aber die Folge verkrampften Abweichens vom Mainstream ist?

Förster: Die Frage ist, warum jemand mit seinen Ideen vom Mainstream abweicht. Macht er oder sie das aus tiefer Überzeugung, fast schon im Lutherischen Sinne von "Hier stehe ich und kann nicht anders"? Oder geht es primär ums Egotuning von Möchtegern-Businesspunks, die der Welt zurufen: Seht her, was für ein wahnsinnig unangepasster Typ ich bin.

mm: Querdenken - kann man das üben oder lernen?

Kreuz: Querdenken ist weder eine angeborene Fähigkeit noch hat es etwas mit Ausbildung, Alter oder Geschlecht zu tun. Zum Querdenken brauchen sie vier Dinge: Erstens einen unvoreingenommenen Blick auf Bestehendes. Zweitens den Mut, Dogmen konsequent in Frage zu stellen. Drittens das Rückgrat, Neues auch umzusetzen, oftmals auch gegen die institutionalisierte Bedenkenträger. Und viertens eine gehörige Portion Sturheit: Querdenker glauben an ihre Idee und setzen sie durch, denn das Unmögliche ist oft auch das Unversuchte.

mm: Welches Maß an Offenheit ist dazu erforderlich?

Förster: Offenheit für Neues ist extrem wichtig. Ebenso ein wacher Verstand, eine Portion Mut, die Bereitschaft immer wieder dazuzulernen und der Wille, kritisch zu hinterfragen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Das ist eine grundsätzliche Haltung, mit der man morgens in sein Büro oder an seine Werkbank kommt und die man auch abends, beim Verlassen des Firmengeländes, nicht an der Pförtnerloge abgibt.

mm: Wie gefragt ist das heutzutage - oftmals wird zwar vordergründig Kreativität eingefordert, um dann doch bei Mainstream-Strategien zu landen.

Kreuz: Kreativität steht hoch im Kurs. Querdenken ebenso. Welches Unternehmen wünscht sich keine kreativen Um-die-Ecke-Denker in seinen Reihen, die ungewöhnliche Lösungen entwickeln. Das Problem, das viele Unternehmen dabei haben, liegt auf der Hand: Solche Leute muss man erst einmal aushalten können. Das sind Menschen, die ihren eigenen Kopf haben und sich nicht mit einem einfachen Nein zufrieden geben. Das kann manchmal ziemlich anstrengend sein und darauf hat man keine Lust.

Förster: Deshalb läuft in nicht wenigen Unternehmen das Einstellungsverfahren darauf hinaus, dass Kopien des Chefs eingestellt werden. Diese Miniaturausgaben sehen so aus wie der Chef, reden wie der Chef und denken wie der Chef. Und genau das ist das Problem. Energie entsteht aus Gegensätzen. Wir brauchen Menschen, die uns widersprechen, die uns sagen, dass wir Unrecht haben, die unsere blinden Flecken ausgleichen. Wenn sie sich nur mit Jasagern, Kofferträgern und Höflingen umgeben, dürfen sie sich nicht wundern, wenn am Ende auch nur mittelmäßige Mainstream-Strategien herauskommen. Wirklich gute und innovative Ideen entstehen in einem Umfeld, das Widersprüche nicht nur zulässt, sondern geradezu fordert.

mm: Wäre die Finanzkrise oder zumindest ihre schlimmsten Verwerfungen durch Querdenken zu mildern gewesen? Immerhin war es ja strenge Fokussierung auf kurzfristige Finanzergebnisse, die die Krise befeuerte.

Kreuz: Die Finanzkrise hat nichts mit ungenügendem Querdenken zu tun. Es handelt es sich vielmehr um eine moralische Krise von geradezu epischen Dimensionen, in der alle Beteiligten trotz gegenteiliger Beteuerungen ihren grundlegenden Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen sind. Und wenn man sich die Welt heute anschaut, sind Zweifel erlaubt, ob alle Beteiligten das tatsächlich verstanden haben.

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