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17. November 2011, 07:24 Uhr

William Alsop, Architekt und Künstler

Meister zweier Reiche

Von Julia Grosse

William Alsop ist ein künstlerisches Doppeltalent - einer der besten Architekten Großbritanniens und längst auch ein international anerkannter Maler. In seinem Londoner Studio trennt lediglich eine zwei Zentimeter breite Leiste Kunst und Geschäft voneinander.

London - Die schmale, doch entscheidende Grenze zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Alltag und Auszeit ist im Büro von Will Alsop keine zwei Zentimeter breit. Hier endet die kühle, industrielle Atmosphäre seines Architekturbüros mit einem mausgrauen Teppich, und hier beginnt nackter Betonboden, übersät mit Farbflecken. Die Grenze, eine zwei Zentimeter breite Leiste, hält die beiden Reiche auseinander.

Und tatsächlich hat diese optische Trennung durchaus einen kleinen emotionalen Effekt, sobald man vom fleckenlosen Teppich in den wuseligen Atelierbereich tritt. Hier liegen und stehen die Arbeiten des britischen Erfolgsarchitekten nicht gerade zimperlich geordnet herum, übereinandergestapelt oder flach auf dem Boden. Es ist fast sieben Uhr, doch über die Hälfte des jungen Teams im Büro sitzt noch an den Rechnern. Auch Alsop ist noch da, eine Sammlerin interessiert sich für seine Bilder und hat sich für den Abend angekündigt.

Will Alsop zählt zu jenen Architekten, denen es passieren kann, dass Sammler seine meist großformatigen, expressiven Gemälde kaufen, weil er sie als Künstler interessiert - und nicht als einer der renommiertesten Architekten der Insel. Einer, der es schon im Alter von 23 Jahren in die Endausscheidung um den Bau des Centre Pompidou in Paris geschafft hat und 2000 für seine kühne Bibliothek in London den renommierten Stirling Prize erhielt. "Sie kaufen meine Bilder als die eines Künstlers. Und das gefällt mir natürlich."

Sehr geschmeichelt fühlt der Brite sich auch, wenn seine Gemälde innerhalb eines Kunstkontextes gezeigt werden, wie bei seinen Galeristen in London und Toronto oder während der vorletzten Sommershow in der Londoner Royal Academy. "Meine Arbeiten hingen nicht etwa im Architekturraum, sondern bei der Malerei!"

Aus freier Kreation wird Architektur

Im Gegensatz zu Alsops Architektur, die von ihren Ausmaßen und Farben her nicht selten Platzhirsch-Charakter hat, scheint sich sein Büro in einem alten Lagerhaus in einer kleinen Seitenstraße regelrecht zu verstecken. In dieser Traumlage direkt an der emse residiert nur wenige Meter entfernt auch Konkurrent Norman Foster mit einem gläsernen Büropalast.

In Alsops Atelierbereich spannt sich momentan ein zehn Meter langes und zwei Meter hohes festes Papier. Es ist überzogen mit tellergroßen Klecksen in pastellhaftem Blau, Grün, Gelb, Pink, und man sieht den 63-Jährigen, jahrelang als Enfant terrible betitelt, regelrecht vor sich, wie er energisch und mit wehenden Locken die Kleckse auf die Leinwand schleudert. Die größte Form prangt dominant und dunkelgrün in der Mitte, eine Mischung aus Blob und Weihnachtskranz, und genau diese Offenheit der Formensprache ist der spannende Punkt in Alsops Malerei.

Denn so ist das, was man auf den ersten Blick nur als expressive Studie verschiedener Muster erkennt, vielleicht ja auch eine erste, unbewusste Idee für ein Gebäude. "Meine Malerei ist nie die bloße Illustration meiner Architektur. Mir geht es darum, zu entdecken, was aus einem Klecks, einer gemalten freien Form einmal werden könnte."

Wenn man sich vor diesem Hintergrund Alsops realisierte Entwürfe anschaut, Häuser, die organisch den Raum überwuchern wie Amöben, dann wirkt es, als habe er die bunten Spuren auf der Leinwand einfach selbstbewusst in die Dreidimensionalität gehoben. So ist der erwähnte "Weihnachtskranz" inzwischen eine erste Idee für eine geplante Universität im französischen Amiens. Und die Wohnanlage "Chips" in Manchester, drei aufeinanderliegende Riegel, ist entstanden, weil Alsop irgendwann begann, Pommes frites zu malen. Die beiden Reiche, Atelier und Büro, hängen also doch mehr zusammen, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ohne Kontrollverlust beim Malen keine spätere Kontrolle beim Bauen.

Heitere Ironie - und ein wenig Sehnsucht

Aufgewachsen in Northampton, klingen seine Kindheitserinnerungen wie das reinste Architekten-Klischee. Seine Schwester und er verbrachten viel Zeit bei einer lieben älteren Nachbarin, die in einem 1926 von Peter Behrens gebauten Haus lebte. Innen war alles voller Design von Charles Rennie Mackintosh. "Das guckst du dir an und merkst, dass es irgendwie anders aussieht als bei dir zu Hause. Das hat mich beeinflusst."

Bevor Alsop für ein Architekturstudium nach London ging, studierte er Kunst und musste wochenlang Ziegelsteine abzeichnen. Der Akt des Malens habe ihn immer entspannt, das mache den Kopf frei vom Denken über Budgets und Bauherren. Und natürlich ist Alsop damit keine Ausnahmeerscheinung. Unzählige Architekten vor ihm sind beim Malen auf die besten Ideen gekommen. Le Corbusier war seine Malerei regelrecht heilig. Er bezog sich immer wieder auf die Idee Michelangelos, nämlich Malerei, Skulptur und Architektur als einen untrennbaren Akt zu verstehen.

Alsop arbeitet am liebsten mit Acryl, das trockne schneller und passe besser zu seinem Tempo beim Denken. Inzwischen dürfen sogar seine Mitarbeiter in die Atelierwelt übertreten, sich einen Pinsel schnappen und in die gemalten Gedanken ihres Chefs eingreifen. Es ist wie ein stiller Dialog über einen ersten, zarteren Impuls, ohne stundenlang in Meetings darüber reden zu müssen. Man malt sich die Ideen aus dem Kopf. "Machst du ein bisschen weiter?", fragt Alsop dann. Die fertigen Bilder, seien sie nun diffuse Vorläufer für Gebäude oder großformatige Kunst an der Wand eines Sammlers, erinnern in ihrer Art immer auch an die Werke des Neo-Expressionismus. Selbst wenn der Architekt solche Vergleiche sicher nicht hören will.

Heiteres Durcheinander von Fantasiegewächsen

Eher hat seine Üppigkeit der Farben und Formen mit seinem schon lebenslangen Interesse an der Natur zu tun, Alsop verbringt viele Tage in seinen eigenen Gärten in England und auf Menorca. Und im Grunde wachsen seine Pflanzen auch in seiner Architektur weiter, zum Beispiel als Dachkonstruktionen, die ähnlich Keimlingen und Blüten in den Himmel schießen wie bei der Freizeitmeile Clarke Quay in Singapur. Seiner Bilder betitelt er mit zum Teil humorvoller Gelassenheit: "I wish my garden was really like this" heißt eines - ein heiteres Durcheinander diverser Fantasiegewächse.

Doch hinter der Ironie könnte man auch eine gewisse Sehnsucht vermuten. Den Alltag des immer komplexeren Architekturberufes einfach hinter sich zu lassen und nur noch im Garten zu stehen und zu malen. Und ungefähr das kündigte er vor zwei Jahren plötzlich an. "Will Alsop verlässt die Architektur, um nur noch zu malen!", hyperventilierten die Medien. In Wahrheit war er nur gerade dabei, sich von seiner damaligen Firma zu trennen. Doch der Wirbel um dieses Gerücht gefiel ihm durchaus. "Sie sollten es ruhig denken. Denn meine Malerei wird in Zukunft auf jeden Fall eine noch größere Rolle in meinem Leben spielen."


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